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[Story] Herzblut

Paglim

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13 März 2003
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[Story] Noch ohne Titel leider

So, dagsche erstmal! :hy:

Ich bezweifel, dass sich irgendwer noch an mich erinnert, aber vor drei Jahren, hab ich hier meine Sha-Ira-Trilogie geschrieben und da ich jetzt endlich nach langer Pause wieder angefangen habe, zu schreiben, hab ich natürlich keine andere Wahl, als euch jetzt wieder mit meinem Geschribbsel zu belästigen :D

So genug der Vorrede, bitte schön! (übrigens, Kritik ausdrücklich erlaubt, versteht sich von selbst!)

Herzblut
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Zum Kalender:

Entsprechend zu den 7 Heiligen besteht eine Woche (bzw. ein Heiligenlauf oder kurz Lauf) aus sieben Tagen, die jeweils einem Heiligen gewidmet sind.
Die Aspekte und die Anordnung im Heiligenlauf:

Mhril - Trauer/Buße
Sophia - Leben/Freiheit
Laurane - Wissen/Heilung
Oris - (ehrliche) Arbeit/Aufopferung
Minerva - Liebe/Treue
Darrel - (ehrlicher) Handel/Großzügigkeit
Rahl - Feiern/Kunst

Es gibt daher auch sieben verschiedene Zeitenrechnung. Die Gebräuchlichste und am weitesten Verbreitete ist diejenige nach Darrel. Da die Geschichte aber in einem Kloster der Laurane spielt, rechnen wir mit derjenigen Lauranes. Gerechnet wird immer vom Geburtsjahr an. Und von der Lauranerechnung auf die gebräuchliche Darrelrechnung zu kommen, müssen 314 Jahre abgezogen werden.
Jedes Jahr beginnt am Tag der Sommersonnenwende, also etwa am 21.6.
Da nach Ablauf von 52 Läufen meist einige Tage bis zur Sommersonnenwende übrig sind, werden diese "Sonnentage" speziell gefeiert. Astronomen verkünden, wie viele Tage bis zur Sonnenwendfeier, dem großen Abschluss der Sonnentage, verbleiben.
Ein Datum besteht aus dem Lauf und dem jeweiligen Tag, also beginnt ein neues Jahr mit 1 Mhril.
Die Geschichte beginnt am 2 Rahl 1084 Laurane, das entspricht etwa dem 4. Juli

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Kapitel 12-2
Kapitel 13
Kapitel 14

1

2 Rahl 1084 Laurane morgens

Sie kamen immer wieder.
Obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie mit so fehlerloser Regelmäßigkeit auftraten, hatten sie in den vergangenen acht Jahren nichts von ihrem Schrecken verloren.
An jedem Rahl, oder genauer gesagt in der Nacht vom Darrel zum Rahl, kamen die Träume zu Khalid. Und jedes Mal, wenn sich der graue, friedliche Schleier von seinem inneren Auge hob, geriet er in Panik.
Verbissen hatte er sich in der Meditation geübt, der einzigen Art, seinen widerspenstigen, sich selbst peinigenden Geist zu bändigen. Und dennoch kamen sie immer wieder.
Es war nicht immer der gleiche Traum, das wäre nicht so schlimm gewesen, darauf wäre er vorbereitet. Doch die facettenreichen Schrecken seiner Erinnerung lieferten ihm immer neue Bilder, Bilder die er verzweifelt versuchte zu verdrängen.
Khalid war sich durchaus bewusst, dass er träumte und er wehrte sich verzweifelt gegen die Bilder, die sein Geist ihm sandte. Aber wie immer verlor er diesen Kampf.
Und während er im Traum wieder zum jungen Khalid wurde und das Trauma seiner Kindheit wieder und wieder erlebte, wälzte sich ein junger Mann im Novizentrakt des Lauranerklosters Eibenbach in seinem Bett hin und her, warf die leichte Sommerdecke durch die kleine Kammer und traf damit einen anderen Jungen, der bislang einen wesentlich ruhigeren Schlaf genossen hatte.
Seufzend zog sich Ludger die Decke vom Kopf und setzte sich auf. Sein Blick streifte das kleine Fenster. Die Sonne war gerade erst aufgegangen und am Rahl durfte eigentlich jeder, der keine allzu wichtigen Aufgaben zu erfüllen hatte, schlafen so lange er wollte. Aber er kannte dies nun schon seit Jahren, sobald Khalid einmal zu träumen angefangen hatte, war es mit der Ruhe vorbei.
Verärgert und besorgt zugleich betrachtete Ludger seinen Zwillingsbruder, wie er schwitzend und nackt auf seinem Bett lag. Feine Tröpfchen hingen an seinen kurzen, nachtschwarzen Haaren oder liefen an seinem schlanken Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen herunter. Die tiefbraunen Augen, mit denen Khalid so manches Frauenherz schmelzen ließ – auch wenn ihn das nie sonderlich zu interessieren schien – waren fest zugekniffen und man konnte förmlich sehen, wie die Augäpfel darunter hin und her zuckten. Die Hände krallten sich tief in das Laken, während sein ganzer Körper vor Anspannung zitterte.
Ludger beeilte sich an das Bett seines Bruders zu treten und diesen wachzurütteln.
Schlagartig, als wäre es nur ein seidener Faden gewesen, der ihn in der Welt seiner Träume gefangen hielt, riss Khalid die Augen auf. Für einen Moment war der sechzehnjährige Novize orientierungslos, wähnte sich noch immer als kleiner Junge, gefesselt und sich auf die Lippen beißend, um nicht schreien zu müssen, denn das hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Aber dann sah er in das Gesicht seines Bruders, der sanft auf ihn herablächelte.
„Danke“, flüsterte der Junge und setzte sich frierend im Bett auf. Es war zwar bald Sommer, aber noch war es morgens sehr kalt in den Zimmern des Klosters und irgendwie schien ihm im Schlaf seine Decke abhanden gekommen zu sein.
Ludger nickte nur und setzte sich auf die Bettkante.
„War es schlimm?“
Khalid schlug die Augen nieder.
„Nicht schlimmer als sonst.“
Ludger setzte ein aufmunterndes Lächeln auf und fasste seinen Bruder bei der Schulter.
„Nun komm, wenn wir schon so früh auf den Beinen sind, sollten wir es zumindest auch nutzen und die ersten beim Frühstück sein. Es ist Rahltag, der schönste Tag der Woche, also genießen wir ihn!“
Während Ludger sich erhob und seine weiße Rahls-Tunika über den muskulösen Körper zog, lehnte Khlaid sich gegen die kalte Steinwand hinter seiner Pritsche und schlang die Arme um die Knie.
„Ich weiß nicht, lass mich doch den Rahl auf meine Art feiern, indem ich einfach im Bett bleibe. Das würde ihm mit Sicherheit auch gefallen.“
So wie jeder Tag der Woche, war auch der Rahltag einem der sieben großen Heiligen gewidmet, eben dem heiligen Rahl. Dieser hatte Zeit seines Lebens alle Annehmlichkeiten genossen, die dieses zu bieten hatte. Er war ein Liebhaber aller schönen Künste gewesen, sowie ein großer Gourmet und Freund von Festen, Wein und nicht zuletzt dem Liebesspiel. Aber war auch ein großer Verfechter des Lebens, hatte mit der Kraft seiner legendären Lieder unzählige Körper und Seelen geheilt und insgesamt nicht weniger als zweiundvierzig Kinder gezeugt.
Und so wurde dieser Heilige an jedem Rahl gefeiert. Nur wer es nicht vermeiden konnte, arbeitete an diesem Tag, man genoss sein Leben und widmete sich den Dingen, die einem am meisten am Herzen lagen. Außerdem war es Tradition, an diesem Tag die Kranken und Unglücklichen zu besuchen und ihnen kleine Geschenke zu machen, um ihr Leiden zu verringern. Und schlussendlich fand an jedem Rahltag irgendwo irgendein Fest statt, zu dem er nicht selten von seinem Bruder geschleift wurde.
Der Rahl war der beliebteste Tag der Woche und in vielen Städten der einzige, der noch nach alter Tradition gefeiert wurde.
Und für ihn und seinen Bruder war es früher immer wieder der schrecklichste Tag der Woche gewesen.
Doch davon schien Ludger heute nichts mehr zu wissen, so wie er auch keine Träume hatte. Obwohl sie beide dasselbe erlebt hatten, war sein Bruder irgendwie dazu in der Lage, die Erinnerung zu verdrängen. Khalid wünschte sich sehnsüchtig, das auch zu können.
„Unsinn!“, entgegnete Ludger nun, „Wir gehen jetzt zum Frühstück und danach gehen wir in die Stadt. Da werden wir dich schon ablenken können.“
Resigniert seufzte der Angesprochene, während sein Bruder aus der kleinen Holztruhe, die beider Habseligkeiten enthielt, ein einfaches Zopfband nahm und damit die langen dunkelblonden Haare zu einem Pferdeschwanz band. Ludger hatte die Haare und die helle Haut, sowie die feinen Gesichtszüge und die eisblauen Augen ihrer maza´alschen Mutter geerbt, hatte aber mittlerweile den kräftigen Körperbau ihres Vaters, während er, Khalid, das schwarze Haar und die dunkle Haut ihres südländischen Vaters hatte, dabei aber eher schmächtig und fast einen ganzen Kopf kleiner als sein Bruder war.
Dieser strich sich nun eine Strähne aus dem Gesicht, blickte zu ihm hinüber und fragte:
„Kann ich mich so sehen lassen?“
Gespielt skeptisch sah Khalid sich seinen Bruder von oben bis unten an. Er hatte nie verstanden, warum Ludger die Haare so lang trug. Er sagte zwar, er wolle die Zeit ihres Noviziats noch nutzen, denn als Akoluthen würden sie die Tonsur erhalten, die Haare kurz geschoren mit einem kahlen Kreis in der Mitte, aber für Khalid war es ganz und gar unverständlich, wie man bei klarem Verstand bleiben konnte, wenn man ständig damit beschäftigt war, sich die Haare aus dem Gesicht zu wischen.
Nun, bei seinem Bruder konnte man auch nicht wirklich von klarem Verstand reden.
Khalid grinste.
„Ich weiß nicht, vielleicht sollten wir einen Eimer mitnehmen, nur für den Fall dass sich eine der Damen in der Stadt übergeben muss.“
Ludger lachte abfällig und warf ihm seine Tunika zu.
„Sei lieber froh dass Brudermord unter Strafe steht!“ entgegnete er, „Und jetzt bedecke dich bitte, ich möchte gleich gerne noch feste Nahrung zu mir nehmen können.“
Energisch wandte er sich um und machte sich daran, die kleine Kammer zu verlassen.
„Und um Himmels willen, wasch dich!“ rief er im Hinausgehen, „Du stinkst schlimmer als ein nasser Hund!“

*

Um die anderen Novizen nicht zu wecken, schlich Khalid so leise er konnte durch den in das orange-rote Licht der aufgehenden Sonne getauchten Gang, auf die steinerne Wendeltreppe an dessen Ende zu. Die Kammer, die er sich mit seinem Bruder teilte, lag in der zweiten Etage des vierstöckigen Gebäudes, in dem die gut fünfzig männlichen Novizen des Lauranerklosters lebten.
Wie so oft streifte Khalid im Vorbeigehen ehrfürchtig über die alten Wände. Das gesamte Kloster war so wie es heute stand bereits vor über neunhundert Jahren erbaut worden.
Die heilige Laurane hatte es damals bauen lassen. Zu diesem Zeitpunkt hieß sie noch Laurane von Eibenbach und war Gräfin dieser Ländereien gewesen. Den Geschichtsbüchern zufolge hatte sie sich, nachdem ihr Mann in jungen Jahren am Wundfieber gestorben war, auf Pilgerfahrt begeben, mit dem festen Vorsatz, die Heilkunst zu erlernen, um anderen Menschen dieses Schicksal ersparen zu können.
Sie unternahm drei Fahrten, lernte zuerst in den rauen Ländern des Nordens die Kunst der Meditation, dann in den Universitätsstädten an der Westküste den Wert des Wissens und schließlich in der Wüste im Südosten die Macht der Heilung.
Nach ihrer Rückkehr legte sie ihr Amt als Gräfin nieder, baute auf den Länderein ihrer Villa das Kloster und gründete den Lauranerorden, zu dessen erster Äbtissin sie sich ernannte.
Dann rief sie Medici, Gelehrte und Schamanen aus allen Himmelsrichtungen zusammen, auf dass sie ihr Wissen zusammentrügen. In den achtunddreißig Jahren ihres Vorsitzes sammelte sie eine stattliche Anzahl von Büchern und Schriftrollen aus allen Gebieten der Wissenschaften zusammen. Nach ihrem Tod war das Kloster von Eibenbach ein Zentrum des Wissens und ein Wallfahrtsort für alle, die nach Heilung oder Erleuchtung suchten.
Der Lauranerorden wuchs und Mönche und Nonnen der Laurane waren in jedem Dorf und jeder Stadt zu finden. Jedes Mitglied des Ordens machte in seinem Leben drei Pilgerfahrten, doch damals lebten nur die Wenigsten dauerhaft im Kloster selbst. Der Großteil zog über das Land oder lebte in Städten als Heiler oder Lehrer.
Doch seitdem war viel Zeit vergangen. Der Lauranerorden war noch immer einer der größten Orden der Westlande, aber die Verehrung der Heiligen nahm mehr und mehr ab und somit fanden sich auch immer weniger neue Novizen.
Khalid hatte die Geschichte, vor allem die der sieben Heiligen, intensiv studiert, nicht etwa, weil er sonderlich begierig nach Wissen wäre, sondern viel mehr da er bemerkt hatte, dass die Geschichte anderer Menschen ihn von seiner eigenen ein wenig ablenken konnte.
Vorsichtig öffnete der junge Novize die Vordertür und trat in den neuen Morgen hinaus.
Tief sog Khalid die Luft ein, sie schmeckte nach Sommer, und betrachtete die erwachende Welt um ihn herum.
Nur wenige Mönche und Nonnen waren bereits auf den Beinen und schlenderten über die kleinen angelegten Wege oder saßen den Sommermorgen genießend vor ihren Wohnhäusern.
Traditionsgemäß nahm jedes Ordensmitglied sich nach seiner zweiten Feuertaufe eines der freistehenden Häuser innerhalb oder außerhalb der Klostermauern. Da dem Orden kein Keuschheitsgelübde unterlag, war für viele ihre anschließende Pilgerfahrt auch die Suche nach dem geeigneten Ehepartner.
Da Ludger nirgends zu sehen war, machte sich Khalid auf den Weg zum Speisesaal, der nicht weit entfernt war von dem in der südöstlichen Ecke des Klosters liegenden Novizentrakt.
Dabei passierte er rechts von sich den dreizackigen Stern, das große Zentralgebäude, das, in der Mitte des Klosters liegend, die drei Pilgerfahrten Lauranes symbolisierte. Der nach Norden weisende Teil beherbergte die Kapelle und die Meditationsräume, im Südwestflügel lag die Bibliothek und das Scriptorium und im südöstlichen Gebäude schließlich befanden sich das Hospital und die Labore der Alchemisten.
Khalid ließ sich Zeit, ließ die Schatten der vergangenen Nacht durch die klare Luft und den Gesang der Vögel vertreiben.
Als er schließlich die große Messehalle erreichte, hatte er die dunklen Erinnerungen wieder in die hintersten Ecken seiner Gedanken gedrängt. Durch das offene Tor tretend öffnete sich vor ihm der gewaltige Speisesaal, in dem alle Mitglieder des Ordens, deren Angehörige und noch weit mehr Personen Platz hatten.
Im Moment saßen aber nur einige wenige Personen einzeln oder in kleinen Gruppen an den vielen und an einem von ihnen entdeckte Khalid seinen Bruder, der sich bereits mit einer enormen Menge an Brot, Käse, Braten und Eiern eingedeckt hatte.
„Hast du vor eine Armee zu versorgen?“
Ludger blickte überrascht auf, er hatte sein Kommen bislang noch gar nicht bemerkt.
„Ich will nur sicher gehen, dass wir noch genug abbekommen“, erwiderte er grinsend.
Khalid nahm neben ihm auf der langen Bank platz und griff nach dem Brot.
„Du wirst nicht glauben, wer letzte Nacht von seiner Pilgerfahrt zurückgekehrt ist!“ fuhr er fort, wartete aber gar nicht erst eine Antwort ab, „Daved ist wieder da! Ich wette, er hat eine Menge zu erzählen. Heute Abend wird ein Fest in Eibenbach gefeiert und er wird auch da sein. Ich bin gespannt, was er aus Rah´aleb zu berichten hat.“
Kopfschüttelnd betrachtete Khalid seinen Bruder, wie er strahlend eine knappe Wochenration Fleisch auf seinem Brot stapelte. Daved war einer der besten Schüler in allen Bereichen des Studiums gewesen und hatte vor kurzem seine Feuertaufe gehabt, woraufhin er zu seiner dritten und letzten Pilgerreise in die Wüstenstadt Rah´aleb aufgebrochen war. Viele vermuteten in Daved bereits den nächsten Abt und für Ludger war er ein großes Vorbild.
Dementsprechend konnte Khalid ihn nicht sonderlich leiden.
„Sehe ich das richtig, dass ich keine Chance habe, dich zu überzeugen, mich nicht zu zwingen, mitzukommen?“
Ludger biss ein großes Stück von seinem Brot ab und grinste ihn an.
„Keine Chance, kleiner Bruder“, antwortete er mit vollem Mund.
Mit einem ergebenen Seufzer fing Khalid an, sich sein Brot zu belegen und bereitete sich darauf vor, erneut all die großen Taten Daveds zu hören.
Er hatte im Gefühl, dass es ein langer Tag werden würde.

*

Sie verließen den Gebäudekomplex durch das große in der Südmauer liegende Tor, das die Wohntrakte der männlichen und weiblichen Novizen voneinander trennte.
Das Kloster lag auf einer Anhöhe direkt über dem Dorf Eibenbach, einem Ort von etwa fünfhundert Seelen, der am gleichnamigen Bach lag und seit Jahrhunderten von der Zusammenarbeit mit dem Lauranerkloster lebte.
Die beiden Brüder folgten dem gepflasterten Weg bergab, während Ludger munter erzählte und plauderte und sich dabei nicht daran störte, dass Khalid ihm nur mit einem halben Ohr zuhörte.
So vertieft war der Junge in seine Ausführungen über sein großes Vorbild, dass er gar nicht den Reiter bemerkte, der aus der anderen Richtung in gestreckten Galopp auf sie zu preschte. Vermutlich wäre er über den Haufen geritten worden, hätte Khalid ihn nicht rechtzeitig zur Seite gezogen.
Überrascht brach Ludger in seinen Ausführungen ab und gemeinsam betrachteten sie den Unbekannten, als dieser an ihnen vorbeistürmte. Vom Reiter selbst war nicht viel zu erkennen, außer, dass er von ziemlich großer Statur war. Doch der ganze Körper war in einen weiten Reiseumhang gehüllt und in der kurzen Zeit konnten sie auch nicht das Gesicht der Person sehen. Das Pferd allerdings gab ihnen mehr Hinweise über den unbekannten Reiter. Khalid erkannte an dem kräftigen Körperbau, dem dichten beschen Fell und der langen Mähne, dass es sich um eines der Hochlandpferde aus den Ländern des Nordens handeln musste.
„Wer war das?“, murmelte Ludger.
„Ich weiß nicht, aber er scheint aus dem Norden zu kommen.“
„Vielleicht ein Barbar?“
Khalid zuckte nur mit den Schultern. Die Barbaren lebten schon seit ewigen Zeiten in den rauen Ländern des Nordens. Sie bekämpften sich oft untereinander, hielten sich aber sonst vom Rest der Welt fern, solange man sich von ihnen fern hielt. Er konnte sich nicht erklären, was ein Barbar in ihrem Kloster suchen könnte.
„Nun“, fuhr Ludger fort, „wenn es etwas Wichtiges sein sollte, werden wir es wohl noch erfahren.“ Und damit setzte er seinen Weg fort. Zögernd und dem Reiter hinterher blickend, der in den Mauern des Klosters verschwunden war, folgte Khalid ihm. Er hätte zu gern herausgefunden, was es mit diesem Unbekannten auf sich hatte.
In Eibenbach hatten bereits die ersten Händler ihre Läden und Stände geöffnet. Auch wenn es Tradition war, am Rahl nicht zu arbeiten, so hatten doch in der letzten Zeit die meisten Geschäftsmänner erkannt, dass die Menschen an diesem Tag in weitaus freigebigerer Laune waren als sonst und verzichteten auf ihren Feiertag zu Gunsten der großen Gewinne, die sie am Rahl machen konnten.
Ludger schien den Unbekannten schon vergessen zu haben und schlenderte von Stand zu Stand, neugierig den Schmuck und Tand betrachtend. Dabei grüßte er so ziemlich alle Dorfbewohner, die ihm über den Weg liefen und hielt mit diesen und jenen ein kurzes Schwätzchen, bevor er wieder halb zu Khalid, halb zu sich selbst vor sich hin erzählte. Sein Bruder nickte zwischendurch an den passenden Stellen gelangweilt und war ansonsten mit den Gedanken weit entfernt.
Es drängte ihn, zum Kloster zurückzukehren und herauszufinden, was es mit dem mysteriösen Reiter auf sich hatte. Dabei überraschte ihn seine Neugier selbst. Es kam zwar nicht mehr oft vor, dass Fremde das Kloster besuchen, aber es kam vor und Khalid hatte sich sonst nie übermäßig für die Besucher interessiert.
So tief war der junge Novize in seine Gedanken versunken, dass er fast aufgeschrieen hätte, als Ludger ihn plötzlich fest am Arm packte.
„Autsch! Willst du mir den Arm brechen?“
„Quengel nicht so rum, kleiner Bruder!“, gab Ludger flüsternd zurück, „Sieh doch!“
Er wies durch die Menge auf ein kleines fünfzehnjähriges Mädchen, das Khalid schon gut kannte. Innerlich stöhnte der junge Mann genervt auf. Dort hinten am Obststand war Marie, die älteste Tochter des Bauern Aleb und seiner Frau.
Ludgers Verhältnis zu Marie war seltsam. Dem Auge eines Unbekannten mochten die Beiden einem gewöhnlichen verliebten Paar gleichen, doch Khalid wusste es besser. Sie kannten das Mädchen schon seit ihrer Ankunft in diesem Kloster, doch sie war lange Zeit nicht mehr als eine flüchtige Bekannte für sie Beide gewesen. Denn seit jeher vertrauten sich Khalid und Ludger nur gegenseitig und hielten den Kontakt mit anderen Menschen so gering wie möglich. Nur durch ihre Beharrlichkeit war es Marie gelungen, zu Ludger durchzudringen und die Liebe in ihm zu wecken. Khalid war ihr sehr dankbar dafür, denn auch er konnte die Maske der Fröhlichkeit, die sein Bruder stetig trug, nicht immer durchschauen. Es war gut, dass er jemanden hatte, bei der er diese Maske ablegen konnte.
Allerdings zerrt Ludgers Verhalten in Maries Gegenwart auch ziemlich an seinen Nerven.
„Schnell Khalid, hast du ein paar Suons für mich?“
Seufzend kramte dieser ein paar Münzen aus seiner Tasche. Als Novizen hatten sie eigentlich kein Geld zur Verfügung, da sie im Kloster auch keins brauchten, aber er und sein Bruder halfen in ihrer Freizeit manchmal den Bauern auf den umliegenden Höfen und verdienten sich so eine Kleinigkeit. Unglücklicherweise blieb Khalid selten etwas von seinem Geld, weil sein Bruder ihn ständig anflehte, ihm etwas zu leihen, immer mit dem festen Vorsatz, es ihm so bald wie möglich zurückzuzahlen.
„Danke Bruderherz“, flüsterte Ludger nun, als Khalid ihm sieben Suons in die Hand drückte, „Du bist wirklich der Beste! Ich werde es dir so bald wie möglich zurückgeben.“
Gehetzt blickte er sich nun um, auf der Suche nach einem passenden Geschenk für seine Angebetete und fand schließlich einen Stand, an dem geschnitzte Holzfiguren angeboten wurden.
Nach kurzer Zeit entschied er sich für einen kleinen Schwan, kaufte ihn und kam strahlend zu seinem Bruder zurück.
„Der wird ihr doch mit Sicherheit gefallen, oder?“
Khalid besah sich das kleine Stück. Es war wirklich fein geschnitzt und gute Arbeit, aber schlussendlich doch nichts anderes als ein einfacher Holzschwan.
„Mit Sicherheit“, gab er zurück, „sofern sie auf unnützen Kram steht.“
„Du hast einfach nicht die geringste Ahnung von Frauen, Khalid!“
Damit zerrte er ihn am Arm hinüber zu Marie, die sich gerade einige Äpfel ausgesucht hatte. Khalid mochte die junge Frau. Unter dem langen blonden Haar steckte der wache Verstand eines aufgeweckten Mädchens, nur hatte sie leider einen grauenhaften Geschmack, was Männer betraf.
„Guten Morgen schöne Frau!“ säuselte Ludger nun, was leichte Übelkeit in seinem Bruder hervorrief. Die Angesprochene wandte sich um und lächelte sie ehrlich erfreut an.
„Guten Morgen ihr Beiden! Was macht ihr denn so früh hier?“
„Ach, wir genießen nur den schönen Morgen. Und was machst du?“
Innerlich rollte Khalid mit den Augen aufgrund dieser hoch niveauvollen Konversation.
„Ich habe nur ein paar Äpfel gekauft, meine Mutter und ich möchten für heut Nachmittag einen Kuchen backen. Hm, wieso kommt ihr denn nicht einfach mit? Der Kuchen dürfte auch noch für euch reichen und ihr könntet uns ein bisschen helfen!“
„Natürlich, ich komme gern mit!“ strahlte Ludger, während Khalid es genoss, Luft für seinen Bruder zu sein.
„Tut mir leid Marie“, warf er ein, „aber ich muss ablehnen. Ich habe noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen heut Nachmittag. Wir sehen uns ja heut Abend auf dem Fest.“
Das Mädchen sah enttäuscht aus, während Ludger eher erleichtert schien. Auch Khalid war erleichtert über die Gelegenheit, seinen Bruder vorerst loszuwerden. Er würde Marie dafür irgendwie danken müssen.
„Schade!“, antwortete sie nun, „Dann also bis heut Abend. Wir heben dir ein Stück von dem Kuchen auf.“
„Ja, bis später kleiner Bruder,“ warf Ludger ein, ohne ihn anzublicken, schlang den Arm um Maries Hüfte und schlenderte mit ihr davon.
Khalid winkte ihnen hinterher. Endlich einmal war es nützlich, dass Ludger in Maries Anwesenheit ständig in anderen Sphären schwebte. So hatte er zumindest nicht nachgefragt, was das für Dinge waren, die er unbedingt erledigen musste.
Nachdem die beiden außer Sicht waren, stürmte der junge Mann, noch immer verwirrt über seine eigene Neugier, zum Kloster zurück.
Dort angekommen sah Khalid zuerst das Hochlandpferd, das in den Stallungen untergebracht war. So weit, so gut, aber wo würde er den Fremden finden können?
Und warum um alles in der Welt interessierte ihn das so? Er lebte seit Jahren gut damit, dass ihm so ziemlich alles gleichgültig war.
Gedankenverloren schlenderte Khalid eine Weile durch das Kloster und ließ seine Füße den Weg von alleine finden.
Entsprechend überrascht war er, als er sich plötzlich an der gegenüberliegenden Mauer des Klosters am Haus des Abtes wieder fand. Die herrschaftliche Villa, die einst von Laurane selbst bewohnt worden war, war nun das Zuhause des Abtes und seiner Frau. Außerdem befanden sich in dem Gebäude einige Ratssäle, Gemeinschaftsräume und vieles mehr.
Der Novize befand sich auf der Rückseite des Gebäudes in dem kleinen Gang zwischen der Villa und der Nordmauer des Klosters. Doch bevor er sich fragen konnte, warum er hier war, hörte er aus einem Fenster in der ersten Etage laute Stimmen herunterschallen.

Zuerst wunderte sich Khalid, dass er kein Wort verstand, bis er das Gesprochene als Raggaroth identifizierte, die Sprache der Barbaren, die er zwar erkennen, aber nicht verstehen konnte.
Was aber unmissverständlich war, war der Tonfall, in dem gesprochen wurde. Drei Personen, von denen er in zweien den Abt Feldokar und den frischgebackenen Mönch Daved erkannte und in der dritten den Fremden vermutete, schienen aufs heftigste über ein Thema zu streiten.
Worum auch immer es ging, was sich da oben gegenseitig an den Kopf geworfen wurde, war nicht gerade freundlich.
Doch Khalid sollte dem Gespräch nicht weiter folgen können, denn im nächsten Augenblick verstummten die Stimmen und er sah eine Gestalt auf das Fenster zukommen.
Mit dem Gefühl, ertappt worden zu sein, stürmte der junge Mann davon in Richtung des Novizenhauses.
Dieser Tag wurde immer verwirrender.

*

Schon seit gut einer Stunde lag Khalid auf der Pritsche in seiner Kammer und starrte unverwandt die Decke an, ohne sie tatsächlich wahrzunehmen.
Langsam aber sicher kam immer mehr Lärm aus dem Dorf herausgeschallt. Es musste auf den Abend zu gehen, die Vorbereitungen für das Fest waren in vollem Gange.
Der Tag war wie im Fluge vergangen und die Erinnerungen des Novizen waren seltsam verschwommen. Er wusste noch genau, was er getan hatte, aber die Gründe für sein Verhalten waren ihm völlig schleierhaft.
Nachdem er sich von dem Schock erholt und sich selbst davon überzeugt hatte, nicht gesehen worden zu sein, war er einem inneren Drang folgend zu der Bibliothek, in der sich am heutigen Tag kaum jemand aufhielt, zumindest niemand in seinem Alter.
Derart bequemerweise unwillkommenen Fragen ausweichend hatte es ihn in den Bereich gezogen, in dem die Raggarsche Literatur untergebracht war – Bücher von den und über die Barbaren.
Es war nicht einfach gewesen, Schriftstücke zu finden, die auf Raggaroth verfasst waren, die Barbaren waren nicht gerade passionierte Schreiber. Als noch schwieriger stellte es sich heraus, Schriften aufzutreiben, zu denen es auch die entsprechende Übersetzung gab.
Nach wohl über einer Stunde, die er so suchend verbracht hatte, beschloss Khalid, genug gesammelt zu haben und zog sich mit den gefundenen Büchern in eine stille Ecke der Bibliothek zurück.
Von nun an hörte sein Zeitgefühl, wie auch sein bewusstes Denken, gänzlich auf. Der junge Mann stellte erst im Nachhinein fest, dass er wohl den ganzen Tag damit verbracht hatte, wie besessen die Bücher zu studieren und zu vergleichen, sich die Eigenarten des Raggaroths einprägend.
Pergament konnte Khalid sich nicht leisten, also wiederholte er jedes Wort immer und immer wieder, bis er es sich unauslöschlich eingebrannt hatte. Wort um Wort, Seite um Seite studierte er, bis ihm der Kopf platzen wollte von dem Übermaß an neuen Informationen.
Was die Arbeit nicht gerade erleichterte, war die Tatsache, dass es mehr als ein Dutzend verschiedener Stammesdialekte der Raggarschen Sprache gab und dass diese selbst keinen bindenden Regeln unterworfen zu sein schien.
Dennoch arbeitete er sich verbissen durch die Lektüre und machte keine Pause, nicht einmal, um etwas zu sich zu nehmen.
Als diese Raserei schließlich abebbte, war der junge Novize körperlich und geistig völlig erschöpft. Während er die Bücher an ihren Ursprungsort zurückbrachte, fragte sich Khalid beständig, was ihn denn nur in den vergangenen Stunden geritten haben mochte.
Auch nun, grüblerisch auf seinem Bett liegend, war er der Lösung noch keinen Schritt näher gekommen. Die Tatsache, dass er sein Verhalten nicht verstand, war nicht das einzige Problem, es machte noch dazu keinen erkennbaren Sinn.
Khalid hatte schon Interesse an den Wissenschaften, hatte aber nie das Verlangen gehabt, eine ihm fremde Sprache zu erlernen. Noch dazu würden sie Raggaroth neben anderen Sprachen schon in wenigen Monaten lernen, sobald nach der Feuertaufe die zweite Initiationsphase begann, die Ausbildung zum Mönch.
Dennoch, er hatte keine Möglichkeit gehabt, sich gegen diesen Drang zu wehren und trotz aller Verwirrung erschien es ihm noch immer gut und richtig, was er getan hatte.
Der junge Mann wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als zu schlafen, doch die Angst vor dem Träumen hielt in wach. Der Rhal war noch nicht vorbei und so lange dieser andauerte, konnte er sich nicht sorgenfrei ausruhen.
Außerdem wäre sein Bruder wohl sehr enttäuscht, wenn er nicht bei dem Fest auftauchen würde und das galt es zu vermeiden, denn sonst würde er noch über Wochen hinweg davon zu hören bekommen.
Und möglicherweise war es tatsächlich eine Möglichkeit, das Chaos in seinen Gedanken zu vertreiben.

Wie ein Fisch im Wasser schwamm Khalid mit dem Strom von Menschen, die das Kloster in Richtung Eibenbach verließen. Die Geistlichen des Lauranerklosters waren Strebende nach Wissen und innerer Ausgeglichenheit, aber am Rhal suchten sie wie alle anderen nichts als Vergnügen und frönten allen Lustbarkeiten, auf die sie sonst verzichteten.
Im Vorbeigehen registrierte der junge Novize beiläufig, dass das Pferd des Unbekannten verschwunden war. Offensichtlich war der Mann wieder fort geritten. Das war ihm nur recht, vielleicht würde damit sein seltsamer Anfall vom vergangenen Nachmittag ein Einzelfall bleiben.
Die Sonne neigte sich gerade gen Horizont und nahm eine leicht orangerote Farbe an, als Khalid das Südtor passierte. An der Straße waren rechts und links Fackeln aufgestellt worden, die später in der Nacht entzündet werden und so den weniger nüchternen Mönchen einen sichereren Heimweg garantieren sollten.
Die Menschen aus dem Dorf waren äußert fleißig gewesen über den Nachmittag. Der Marktplatz war frei geräumt und ein großes Zelt aufgebaut worden. An die Häuser am Rand des Platzes waren bunte Girlanden gehängt worden, die nun über den Köpfen der Menge baumelten, die sich fröhlich schwatzend in oder vor dem Zelt befanden, aßen und tranken und sich in Stimmung für die bevorstehende Feier brachten.
Es würde nicht einfach werden, in diesem Gewimmel seinen Bruder zu finden.
Mühsam bahnte sich Khalid einen Weg durch die Menschenmasse und drang so bis zum Festzelt vor. Wenn Ludger hier war, dann war er dort zu finden, wo er schnell an Essen und Bier gelangen konnte.
Seine These sollte sich als richtig herausstellen. Mit einem Krug in der Hand und mit der anderen Marie im Arm haltend, stand Ludger am Rand des Zeltes unweit von der Bühne, auf der wohl später musikalische und andere künstlerische Darbietungen stattfinden würden.
„Da bist du ja endlich!“, warf sein Bruder ihm von weitem zu. „Was hast du die ganze Zeit gemacht?“
„Ich...war beschäftigt“, murmelte der Angesprochene, als er bei dem Paar angekommen war.
„Ich habe dir etwas mitgebracht, wie versprochen“, sagte Marie daraufhin und legte ihm ein Paket in die Hand, in dem sich wohl der frisch gebackene Apfelkuchen befand. Khalid fühlte, dass er noch warm war und rang sich ein lächeln ab.
„Hol dir doch ein Bier, Brüderchen“, schlug Ludger vor, was Khalid mit einem grimmigen Blick quittierte.
„Würde ich ja, aber mein Geld scheint heute morgen auf mysteriöse Weise verschwunden zu sein.“
„Oh…“ machte sein Bruder und zuckte mit den Schultern, woraufhin das Thema erledigt war.
Im nächsten Moment wurde es ruhig im Zelt, als der Abt Feldokar mit seiner Frau Rebecca die Bühne betrat. Die beiden Vorsteher des Lauranerkloster, die auch zeitgleich das Amt der obersten Richter für Eibenbach innehatten, waren besonders feierlich gekleidet.
Feldokar trug eine lange seidene Robe in strahlendem Weiß mit langen Ärmeln und am Saum eingestickten feinen Ornamenten. Sein grauer Bart war ordentlich gestutzt und gekämmt und um den Hals trug er ein Medaillon aus Silber in der Form eines dreizackigen Sterns, des Zeichens der Laurane.
Seine Frau trat in einem wallenden Kleid auf, das in allen Farben des Regenbogens leuchtete. Sie bewegte sich viel graziler, als man ihr mit ihren dreiundsechzig Jahren zutrauen wurde und schenkte dem ein oder anderen beeindruckten Zuschauer ein freundliches Lächeln, während sie an der Seite ihres Gatten schritt. Khalid fiel vor allem das lange silbergraue Haar der Äbtissin auf, das kunstvoll und in mit Perlen besticktes Netz eingebunden war.
So angenehm dieser Anblick auch war, Khalid fühlte sich plötzlich ungemein unbehaglich, unterdrückte dieses Gefühl aber, stahl seinem Bruder der Krug aus der Hand und nahm einen Schluck, wofür er mit einem Schlag auf den Hinterkopf und einem bösen Blick belohnt wurde.
Doch bevor Ludger etwas dazu sagen konnte, hob Feldokar schon zu zeiner Rede an:
„Meine lieben Freunde, es ist mir eine wahre Freude, dass ihr so zahlreich erschienen seid, um mit uns diesen Rhal zu ehren und zu feiern!“
Das Bier rumorte in seinem Magen. Ein leichter Druck entstand in seinem Hinterkopf.
„Und es ist großartig, was die Helfer an diesem Nachmittag hier erreicht und aufgebaut haben.“
Applaus. Magenschmerzen. Der Druck wurde zum Hämmern.
„Des Weiteren möchte ich erwähnen, dass wir heute noch einen weiteren Grund zum Feiern haben. Einer unserer besten jungen Mönche, Daved, ist gestern Nacht wohlbehalten von seiner Fahrt zurückgekehrt!“
Noch mehr Applaus. Alles schien zu laut, verzerrt. Die Menschen wurden plötzlich verschwommen.
„Ich denke, er wird uns viel zu erzählen haben!“
Galle im Rachen. Keine Luft. Raus…
„Aber genug der Rede…“
Raus…
„…ich wünsche…“
Raus…
„…euch allen…“
Raus…
„…nun viel Vergnügen!“
RAUS!
Mit weichen Knien wandte Khalid sich um und verlor dabei beinah das Gleichgewicht. Beiläufig registrierte er, dass sein Bruder die Hand nach ihm ausstreckte und irgendetwas sagte, was aber nie in seinem Bewusstsein ankam.
Raus, nur raus!
Wie in Trance taumelte er auf die Zeltwand zu packte den Stoff und zog ihn hinauf, in selben Moment als Ludger ihn bei der Schulter fasste.
Gierig sog Khalid die frische Luft ein, es schien ihm, als hätte er noch nie so etwas Angenehmes geatmet.
Mit einer Kraft, von der er überrascht war, sie zu besitzen, riss sich der junge Mann von seinem Bruder los und stürmte aus dem Zelt, Ludger und Marie hinter ihm her.
Im selben Moment brach plötzlich schrecklicher Lärm hinter ihnen aus und sie sahen, wie das riesige Zelt langsam in sich zusammenbrach.
Nun regierte das Chaos.
Menschen schrieen wild durcheinander, als mehrere hundert Personen gleichzeitig unter dem Tuch hervorkommen wollten. Khalid schenkte dem Spektakel keine Beachtung und zerrte seine beiden Verfolger hinter sich her, unter einen nahe gelegenen Marktstand, wo er ihnen bedeutete, sich hinzulegen und still zu sein.
In diesem Augenblick fiel der Druck von dem Mönch ab, seine Sinne und Gedanken wurden wieder klar und reflexartig übergab er sich in eine Ecke des Standes.
Als Khalid seinen Magen wieder unter Kontrolle hatte, sah er, dass Ludger dazu ansetzte, irgendetwas zu sagen, aber der Novize verhinderte dies umgehend, indem er diesem die Hand auf den Mund legte und auf die entgegen gesetzte Seite des Platzes wies.
Mehrere Reiter, etwa ein Dutzend waren aus dem Schatten der Häuser aufgetaucht und traten in die Abendsonne. Khalid erkannte sie sofort. Die enorme Statur, in Felle gehüllt, die großen Pferde, das waren Barbaren aus Raggar. Von ihren Gesichtern war nichts zu sehen, sie trugen Masken in der Gestalt von Tierköpfen, Wölfen, Bären und anderen.
Da offensichtlich sie es gewesen waren, die die Halteseile des Zeltes durchtrennt und es so zum Einsturz gebracht hatten, vermutete der Novize, dass sich auf ihrer Seite des Platzes noch einmal ebenso viele Barbaren befinden mussten.
Die Menge auf dem Platz, die schon in Panik war, stob nun wild auseinander, als die Reiter sich in Richtung Kloster wandten und lospreschten. Doch obwohl die Krieger keine Rücksicht auf die Menschenmenge nahmen, sie griffen niemanden an oder legten Feuer oder ähnliches. Sie schienen ein bestimmtes Ziel zu verfolgen und das befand sich allem Anschein nach im Kloster.
Es waren etwa zwanzig Reiter, die sich schließlich vor dem Dorf zu einem Trupp zusammenfanden und die Straße hinaufstürmten. Doch bevor sie das Tor erreichten, hielten sie plötzlich seltsamerweise an, einige Pferde scheuten sogar.
Dann bemerkte Khalid es auch. Ein Rumoren ging durch die Erde, das in Bruchteilen von Sekunden stärker wurde und sie einem Beben anhob.
Entsetzt beobachtete er, wie auf dem Boden unter den Barbaren ein Riss in der Erde, einer Wunde gleich, aufklaffte und rasend schnell größer wurde.
Nun waren es die Reiter und vor allem ihre Pferde, die in Panik gerieten und die Flucht antraten.
Doch sie waren nicht schnell genug.
Ein Krieger nach dem anderen wurde mitsamt seinem Reittier in den Schlund gezogen, andere wurden von ihren Pferden abgeworfen.
Sie hatten keine Chance.
Nach Sekunden war kein Mitglied des Trupps mehr zu sehen. Sie alle waren in den Riss gestürzt, der nun wie das Maul eines gewaltigen Ungeheuers schien und nicht zu wachsen aufhören wollte.
Es war noch nicht vorbei. Nur wenige Augenblicke später erreichte die Grube die ersten Häuser des Dorfes, riss Gebäude und hilflos kreischende Menschen mit sich in die Tiefe.
Dann endlich schien der Hunger des Ungeheuers gestillt worden zu sein.
Langsam, viel langsamer als er entstanden war, schloss sich der Riss wieder und begrub so die Leichen derer, die er in den Tod gezogen hatte.
Khalid hörte das Kreischen der Menge nicht mehr, für ihn herrschte Stille, Todesstille.
Die Erde hatte ihre Wunde wieder geschlossen und machte den Anschein, als wäre nie etwas passiert.
Nur die Sonne weinte blutiges Licht und zeigte so das Dorf als das Schlachtfeld, das es nun war.
Khalid spürte, dass das noch nicht das Ende sein würde.
 
Zuletzt bearbeitet:
Deine Geschichte gefällt mir bis jetzt echt gut. Weiter so. Wenn ich ein ähnliches Niveau wie in Sha-Ira erwarten kann bin ich mehr als nur zufrieden :) Also Leser hast du auf jeden fall.

lg, Gandalf
 
Thx G4nd4lf! Schön, zu wissen, dass jemand da ist, der Sha-Ira auch schon kennt :)

So, Update ist oben. Hätte gern gewusst, ob ihr meint, dass ich zu viel beschreibe und drum herum erzähle oder net!
Viel Spaß :)
 
Ich denke nicht, dass dies der Fall ist. Zumindest kann ich es jetzt noch nicht sagen. So etwas könnte erst bei längerem lesen Stören bzw. fällt mir dann erst auf. Stören tut mich bis jetzt noch nichts. Ich bin vielmehr gespannt, wie es denn jetzt wohl weiter geht :)

Kennen ist übertrieben. Ich habe Sha-Ira zwar gelesen aber ich kann mich echt nur noch an kleine Bruchteile daraus errinnern - leider. Aber ich habe es auf der Hauptseite in 1 oder 2 Tagen durchgelesen und für gut befunden.

lg, Gandalf
 
Die Geschichte fängt gut an, für eine Kritik ist aber noch zu wenig Text da :).
Zuviel Beschreibung würde ich nicht sagen. Einzig die Entstehungsgeschichte des Klosters finde ich zu sehr im Block geschrieben. Die Ausführlichkeit ist ok, eher zu knapp als zu ausführlich, doch hättes man sie vielleicht auf mehrere Teile aufteilen können, die dann auch unterschiedlich erzählt werden. Z.B. einen Teil als Dialog, einen Teile als Monolog (eine kleine Pedigt?) und als Erzählung, dazwischen Handlung zum Trennen.
Abgesehen davon habe ich nichts zu meckern :D.
 
Hm, ok, ich werd mal gucken, dass ich das erste Kapitel bei Gelegenheit noch mal überarbeiten werde. Ich hab das ja aufteilen wollen, es fehlt ja wie du schon gemerkt hast, einiges an Geschichte, da soll noch was kommen.
Nun denn, kleines Update ist oben. Ich hatte eigentlich vor, das Kapitel jetzt endlich zu Ende zu bringen, aber im Moment gehts immer nur in kleinen Schritten voran, muss mich erst mal wieder vernüntig einarbeiten.

Viel Spaß denn! :)
 
Danke für dein Update :) Eine Bitte hätte ich: magst du vielleicht eine kursive Zeile oder so einfügen, mit dem Datum des Updates oder so, dass man weiß, wo es weiter geht und nicht ewig suchen muss.

vielen Dank
lg, Gandalf
 
So, hab Sternchen und Kapitälchen eingebaut, die sollten bei der Orientierung helfen :)
 
Im letzten Teil finde ich das Erzähltempo wirklich gut getroffen.
Mir fallen Formulierungen wie
Worum auch immer es ging, was sich da oben gegenseitig an den Kopf geworfen wurde, war nicht gerade freundlich.
auf. Ich finde das zu salopp. Stilistisch bevorzuge ich in Abenteuer-Romanen neutrale und ernste Erzähler, wohingegen geäußerte Gedanken und Dialoge natürlich gerne subjekiv sein sollten.
Das ist natürlich Geschmackssache.
 
Erstmal danke fürs Lob.

Hm, wie du schon sagst, ist das Geschmackssache. Ich mach das mittlerweile eigentlich ganz gern, dass ich in solchen Situationen, in denen noch keine große Spannung aufgebaut wird, gelegentlich solche "saloppe" Aussagen einstreue. Ich finde, das ist für den Leser recht angenehm, erleichtert die Vorstellung und wirkt auch nicht so hochgestochen und abgehoben.
An ner ernsten, traurigen oder spannenden Stelle würd ich´s natürlich auch anders machen.

Aber wie gesagt, ist ja Geschmackssache!

Update *seufz* ist in Arbeit, bzw muss nur noch aufgeschrieben werden, hatte am WE keine Zeit.
 
so erstmal danke für deine story, hat mir bisher sehr gut gefallen:top:
die von stalker angsprochenen formulierungen gefallen mir im gegensatz zu ihm sehr gut, solange sie an der richtigen stelle stehen, aber das hast du ja auch schon selbst angesprochen. ich warte schon gespannt auf ein update, weiter so!
 
Also ich kenn dich noch, und deine Storys natürlich auch. Schön hier mal wieder paar bekannte Namen zu sehen. Weitermachen :go:
 
Hey, schön, ein paar alte Gesichter wiederzusehen :)

So, das Kapitel ist jetzt endlich endlich endlich fertig. Hab in nem Monat Semesterferien, dann schaff ich auch endlich wieder, regelmäßiger zu schreiben.

Viel Spaß denn beim Lesen!
 
Da sind ja einige Rätsel aufgebaut worden. Bin gespannt, wie sie sich auflösen. :D
 
Sehr gut, und viele Rätsel, mal gespannt was weiter passirt, ist ja nen offenes Ende.

Weiter so :top:
 
tztz wirklich interessant - und wieder hört er auf, wenn es gerade so spannend ist... Nun ja weiter so. Wir freuen uns auf eine Fortsetzung.

lg, Gandalf
 
eZpK_1337 schrieb:
Sehr gut, und viele Rätsel, mal gespannt was weiter passirt, ist ja nen offenes Ende.

Weiter so :top:
-G4nd4lf- schrieb:
tztz wirklich interessant - und wieder hört er auf, wenn es gerade so spannend ist... Nun ja weiter so. Wir freuen uns auf eine Fortsetzung.
Immer schön, wenn einem die Worte aus dem Mund genommen werden :D

Auf daß das nächste Kapitel einige Antworten und noch mehr neue Fragen beinhalten möge ;)
 
nette story, gefällt mir echt außerordentlich gut ^.~
 
Also erst mal danke für das viele Feedback, freut mich, dass schon so einige Leute mitlesen :D
Hier ist der Anfang von Kapitel 2. Nen weiteres Update wirds in den nächsten 2 wochen wohl net geben, da mein e Klausurphase bevorsteht :cry:
aber dann hab ich viel viel Zeit :D

2

3 Mhril 1084 Laurane morgens

"...wissen wir, dass die Heiligen auf unserer Seite sind und uns vor dem Angriff dieser heidnischen Barbaren beschützt haben!”
Abt Feldokar sprach von der selben Bühne, auf der er am gestrigen Tag seine Festrede gehalten hatte, zu der Menge, die sich auf dem nun wieder frei geräumten Platz versammelt hatte.
Die Kapelle des Klosters hätte den großen Ansturm von Menschen, die Trost und Beistand suchten, nicht mehr aufnehmen können.
Khalid hätte sich über die Ironie dieser Situation amüsieren können, wäre ihm danach zumute gewesen.
Es hatte schon ein schreckliches Unglück geben müssen, das - wie sich später herausstellte - dreizehn Todesopfer (die Barbaren nicht mitgezählt) gefordert hatte, um die Menschen wieder zum Glauben zurückzuführen.
Lebten sie in Frieden und ging es ihnen gut, so respektierten sie das Kloster und schätzten es für seinen Nutzen für das Dorf, zeigten aber sonst kein großes Interesse an den Heiligen. Sie feierten den Rahl, weil es ihnen gefiel und empfanden dies bereits als Dienst für die Heiligen.
Der junge Mann fing an, diesen ängstlichen und quengelnden Haufen von Menschen zu verachten.
Er verstand auch nicht, was Feldokar mit seiner hochpathetischen Predigt bezwecken wollte. Die Heiligen waren auf ihrer Seite? Nun, dann war es doch seltsam, dass auch Menschen aus dem Dorf in diesen schrecklichen Schlund gezogen worden waren.
Man mochte es als Strafe für die Fehler und den Unglauben der Dorfbewohner betrachten und diesen Punkt hatte der Abt auch aufgeführt. Doch Khalid ließ sich davon nicht überzeugen. In keiner Überlieferung war je die Rede davon gewesen, dass die Heiligen direkt in die Welt der Menschen eingegriffen hätten, sie dienten viel mehr als Vorbilder, nach denen die Menschen ihr Leben und Schaffen richten sollten.
Nun, auch wenn sie falsch war, immerhin hatte Feldokar eine Theorie, er selbst besaß keine.
“Wir alle haben Freunde oder Verwandte bei diesem brutalen Überfall verloren, doch wir wollen nicht unser Leben von diesen Primitiven zerstören lassen. Laurane ist mit uns, niemand wird das ändern können!”
Khalid wunderte sich mehr und mehr über die Rede des Abtes. Er drückte sich so aus, als wären die Barbaren für die Toten verantwortlich gewesen, dabei wusste niemand von ihnen, was die Fremden tatsächlich gesucht hatten.
Jubel brach in der Menge aus, woraufhin Khalid sich die Hände an die Schläfen presste. Es schien, als würden ganze Horden von Reitern durch seinen Schädel preschen. Es war nicht nur der Kopfschmerz, mit dem er an diesem Morgen zu kämpfen hatte.
In der letzten Nacht war etwas geschehen, was ihn zutiefst verwirrte: Seine Träume waren zurückgekehrt.
Das durfte nicht sein, in den letzten acht Jahren waren sie immer nur in der Nacht vom Darrel zum Rahl oder wenn er den Fehler machte, am Rahl vor Mitternacht schlafen zu gehen, zu ihm gekommen.
Doch in der vergangenen Nacht war er ganz sicher nicht zu früh eingeschlafen. Es hatte noch viele Stunden gedauert, bis das allgemeine Chaos und die Panik sich gelegt hatten und die Menschen in ihre Häuser, soweit sie noch standen, zurückgekehrt waren.
Noch weitaus länger hatte es gebraucht, bis Ludger endlich davon abgesehen hatte, ihn mit Fragen zu löchern und er selbst zur Ruhe kommen konnte.
Viel Ruhe hatte er allerdings nicht bekommen. Immer wieder sah er im Schlaf die großen, fetten, schwitzenden Männer vor sich, wie sie sich über ihn beugten. Ihr Gestank umgab sie wie eine giftige Aura, die Berührung ihrer dicken Finger verursachte ihm Magenkrämpfe.
Und dann ging es los.
Khalid drängte die Gedanken wieder zurück. Die letzte Nacht hatte gereicht, er wollte das alles jetzt nicht noch einmal durchleben.
Feldokar hatte die Gläubigen zu einem stillen Gebet aufgefordert, um der Toten zu gedenken und auch Khalid senkte das Haupt. Wie wohl viele andere unter den Mönchen bat er Laurane um Rat, fragte, was nur geschehen war, wieso sich plötzlich alles veränderte.
Nicht, dass ihn Veränderungen stören würden, er hätte nur zu gerne sein vergangenes Leben hinter sich gelassen, doch die gestrigen Ereignisse verstörten ihn zusehends. Vor allem sein eigenes seltsames Verhalten erschien ihm immer merkwürdiger.
Die Messe war damit beendet und es brachen wilde Diskussionen in der sich langsam zerstreuenden Menge aus.
Um die heutige Ironie perfekt zu machen, war auch noch Mhril, der Tag des gleichnamigen Heiligen, welcher der Trauer und dem Gedenken verlorener Menschen gewidmet war, sowie traditionell der Buße und Demut nach den Ausschweifungen des Rhals.
“Was machen wir nun?” fragte Ludger, der am heutigen Tag seine sonst unzerstörbare gute Laune verloren zu haben schien.
“Geh du nur zu Marie. Erholt euch ein wenig, ich werde ein bisschen lesen.” Khalid spürte den Druck wieder wachsen, es zog ihn immer stärker in die Bibliothek zurück.
“Ich dachte mir, wir sollten vielleicht beim Wiederaufbau helfen”, fuhr sein Bruder fort, “Die können mit Sicherheit noch Unterstützung gebrauchen. Und vergiss nicht, dass wir später noch in den Obstgärten arbeiten müssen.”
“Ja...ja, du hast Recht...” Khalid bewegte sicht bereits langsam auf das Kloster zu, “...ich komme nach, ich muss nur noch kurz etwas Wichtiges erledigen...”
Mit diesen Worten wandte er sich um und ließ seinen verdutzten Bruder kurzerhand stehen.
Kopfschüttelnd beschloss Ludger, sich in Zukunft über nichts mehr zu wundern.

Es sollte an diesem Tag nicht mehr dazu kommen, dass Khalid beim Wiederaufbau der Ruinen half. Ludger fand ihn nachmittags schließlich in der Bibliothek über einem Haufen Büchern hockend und musste ihn mehr oder minder sanft dort hinausschaffen, damit sie nicht zu spät zur Arbeit kamen, was eine wenig angenehme Rüge zur Folge gehabt hätte.
So setzte es sich fort. Khalids Träume suchten ihn nun in jeder Nacht heim, seine Stimmung wurde immer düsterer und missgelaunter. Langsam aber sich kapselte sich der junge Mann vollständig von seiner Umwelt ab, verbrachte jede freie Minute in der Bibliothek. Alle wohlgemeinten besorgte Fragen ließ er unbeantwortet, hüllte sich in eisiges Schweigen.
Besonders Ludger machte sich immer größere Sorgen um seinen Zwillingsbruder, musste aber nach vielen vergeblichen Anläufen erkennen, dass er nichts erreichen konnte. Khalid ließ sich weder von seinem Raggaroth-Studium abbrigen, noch äußerte er seine Motive.
Ludger konnte nicht wissen, dass sein Bruder dieses Verhalten selbst nicht verstand, sich nur bewusst war, dass es ungemein wichtig war.
So kam der Sommer ins Land, die zerstörten Häuser waren wieder aufgebaut worden, weitere Angriffe von den Barbaren waren ausgeblieben.
Der Vorfall vor wenigen Monaten war nicht vergessen worden, doch man sprach nicht darüber und gab sich auch Mühe, so wenig wie möglich daran zu denken.
In diesem scheinbaren Frieden rückte schließlich der Tag näher, dem viele junge Novizen angstvoll entgegen blickten, der Tag der ersten Feuertaufe.

*

Noch nie zuvor hatte Khalid die Kapelle des Klosters als so feindselig empfunden. Seine Schritte hallten unnatürlich laut wider, als er durch die leeren Reihen in Richtung Altar schritt.
Draußen neigte sich bereits der Abend. Den ganzen Tag über waren junge Novizen und Novizinnen in ihren Fähigkeiten zur Meditation geprüft worden und er und Ludger hatten die Zeit genutzt und stundenlang geübt.
Khalid machte sich keine Sorgen über ihr Bestehen, die Prüfung galt als äußerst einfach, nur selten war es geschehen, dass sie jemandem nicht gelang.
Doch Ludger war den ganzen Tag über sehr nervös gewesen, hatte ständig an der Perfektion seiner Fertigkeiten gearbeitet und so hatten sie den ganzen Tag gemeinsam in ihrer kleinen Kammer verbracht.
Es waren schöne Stunden gewesen, Stunden, die die beiden Brüder wieder näher zusammen brachten, sie die letzten Wochen vergessen ließen.
Khalid fühlte sich an jenem Tag wie befreit von der Last, die seit kurzem an seiner Seele und seinem Verstand nagte. Keine Träume hatten ihn in dieser Nacht heimgesucht, keine Stimmen ihn gequält, ihn gezwungen, sich mit einem Stapel Bücher in die Isolation zurückzuziehen.
Doch nun, da er die Kapelle, die ihm viel größer als sonst erschien, betreten hatte, war diese leichte fröhliche Stimmung wie weggeblasen.
Widerwillig musste er sich eingestehen, dass er durchaus ein nicht geringes Maß an Nervosität verspürte.
Der junge Mann spürte das Herz in seiner Brust schneller und schneller schlagen, jeder Schritt schien schwerer als der vorherige zu sein.
Er hatte gelernt, es gab keinen Grund, nervös zu sein, es war ein einfacher Test seiner Fähigkeiten. Wenn er etwas beherrschte, dann die Meditation, war sie doch lange Zeit seine Einzige Zuflucht vor den Schrecken seiner Träume gewesen.
Khalid fuhr sich mit den Händen über die Augen und merkte, dass sie schweißnass waren.
Eine einzelne Ader pulsierte an seiner Schläfe im Rhythmus seines Herzens und bescherte ihm dröhnende Kopfschmerzen.
Sein ganzer Körper schrie danach, umzukehren, doch dieses Mal hörte Khalid nicht auf ihn. Dieses Mal wehrte er sich.
In diesen unsichtbaren Kampf verwickelt, trat der Novize schließlich vor die erste Reihe der Kapelle, wandte sich um und verbeugte sich vor den drei dort sitzenden Personen, wobei er sich die ganze Zeit darauf konzentrierte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Feldokar und seine Frau nickten und lächelten freundlich, Rebecca noch ein wenig ehrlicher als ihr Gemahl. Der neben ihnen sitzende Trainer der Novizen und Meister der Meditation, Rahel von der Tann, nickte nur. Angeblich soll kein lebendes Wesen ihn je lachen gesehen haben.
„Es freut mich, dich zu sehen, Khalid.“, begann der Abt, „Ich hörte, dass du dich in letzter Zeit ziemlich zurückgezogen hast. Gibt es etwas, über das du mit mir reden möchtest?“
Feldokar und Rebecca waren die einzigen Personen, die über ihre Vergangenheit und seine Träume bescheid wussten, schließlich hatten sie ihn und seinen Bruder damals vor acht Jahren hier aufgenommen, zwei dreckige, halb verhungerte, verängstigte Jungen. Sie hatten dieses Geheimnis immer in Ehren gehalten und nie mehr zu wissen verlangt als das, was er und Ludger bereit waren zu erzählen. Dafür war Khalid ihnen sehr dankbar, dennoch schüttelte er den Kopf.
„Es geht mir gut Hochwürden, ich habe nur Angst wegen dem Angriff. Es war schrecklich.“
Feldokar nickte, doch er schien ein wenig enttäuscht zu sein.
„Nun Khalid, wir sollten zu deiner Prüfung kommen. Setz dich dort auf den Teppich!“
Der Abt wies auf eine Stelle hinter dem jungen Mann, welcher der Anweisung mit unsicheren Beinen Folge tat und sich auf dem kleinen handgeknüpften Teppich niederließ.
Vor sich sah er nun einen Ölstein, der auf einer eisernen Halterung saß und mit leicht bläulicher Flamme brannte. Khalid kannte diese Steine. Sie waren sehr selten, aber das Öl in ihrem Inneren brannte viele Tage am Stück und das Feuer spendete viel mehr Wärme als das eines einfachen Holzscheits.
Bei genauerem Hinsehen erkannte er einen einfachen, scheinbar aus Eisen gefertigten Ring, der auf dem Stein lag und von der Hitze bereits zu glühen angefangen hatte.
Dem Novizen zog sich der Magen zusammen.
Er ahnte bereits, was nun folgen würde.
„Deine Aufgabe ist einfach.“, fuhr Feldokar fort, „Nimm den Ring von dem Stein herunter und bring ihn zu mir. Befiel deinem Körper, keinen Schmerz zu empfinden und keine Verbrennung davonzutragen. Dies soll deine erste Feuertaufe sein und uns beweisen, dass du würdig bist, den Titel eines Akoluthen zu tragen und die Ausbildung zum Mönch fortzuführen. Beginne nun mit deiner Meditation!“
Khalid schloss die Augen und atmete tief ein.
Diese Prüfung war tatsächlich nicht sehr schwer, sie hatten derartiges bereits in ihren Übungen gemacht und er hatte nie Schwierigkeiten damit gehabt.
Doch damals hatten nicht sein Körper und sein Geist gegen ihn rebelliert.
Erst jetzt bemerkte er, dass ein leicht süßlicher Geruch in der Luft hing, von dem ihm etwas schwindelig wurde. Der Stein war mit Ölen bearbeitet worden, die die Meditation unterstützen sollten.
Der junge Novize achtete nicht darauf, ignorierte jegliche Sinneseindrücke, die die Umgebung ihm gab.
Dies war der erste Schritt zur Meditation und so oft von ihm erprobt, dass er zur Routine geworden war.
Der Nächste war wesentlich schwerer, er musste seinen Geist frei bekommen.
Langsam ging Khalid in seinem Kopf die Schritte durch, die Rahel ihnen beigebracht hatte. Zuerst musste er mithilfe von guten Gedanken die Schlechten aus seinem Geist vertreiben.
Seine Auswahl an schönen Erinnerungen war nicht sehr groß, also nahm sich Khalid das naheliegendste vor und konzentrierte sich auf den Nachmittag mit seinem Bruder.
Sie hatten gelacht und sich geneckt, als wäre nie etwas passiert. Solche Momente hatte es selten zwischen ihnen gegeben und umso wertvoller waren sie.
Sein Unwohlsein, die Kopfschmerzen, all das verschwand. Seine Muskeln und sein Magen entspannten sich, sein Herz schlug langsamer, der Atem wurde flacher.
In Gedanken war der junge Mann nicht mehr in der Kapelle des Lauranerklosters, sondern in seiner Kammer mit seinem Bruder und durchlebte die Stunden des Nachmittags noch einmal.
Mit dem Rest seines Bewusstseins löste er nun auch diese Erinnerung langsam auf, ließ sie verschwimmen und in den Hintergrund treten, bis sie nicht mehr greifbar war.
An ihre Stelle trat das Nichts, der absolute Frieden, der das Ziel eines jeden Meditierenden war.
Da sein Geist nun von keinen Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen mehr gefesselt wurde, konnte Khalid seinen Körper verlassen und in das Nichts gleiten, einzig gehalten von dem filigranen Notseil, das ihn in seinen Körper zurückholen sollte, dem letzten Stück bewussten Denkens, dass er auf keinen Fall verlieren durfte.
Aber Khalid empfand keine Angst, auch genoss er nicht das Schweben im Nichts, er wusste lediglich, dass es gut war. Und richtig.
Wie von selbst führte sein Körper die Aktion aus, die er ihm zuletzt befohlen hatte, erhob den Arm und griff in das Feuer hinein.
Khalid wusste, dass er keinen Schmerz fühlen würde, der Schmerz war etwas Weltliches, etwas Ordinäres. Auch würde er keine Verbrennungen haben, denn sie waren lediglich eine Marter, die die Seele sich selbst zufügte. War sein Geist nicht anwesend, so konnte sein Körper auch nicht verbrennen.
Wie ein ferner Beobachter registrierte der Novize, dass sein Körper den Ring in die Hand nahm und diese aus dem Feuer zog.
In diesem Moment gab es einen Knall und Khalids Notseil, die letzte Verbindung zwischen seinem Körper und seiner Seele zerriss.
Panisch griff seine Seele um sich, suchte Halt an den unzähligen Erinnerungsfäden, die nun wieder auf ihn eindrangen.
Sie fand einen, krallte sich fest und die Szenerie änderte sich.

Klatsch
Ein weiteres Mal biss ihn der entsetzliche Schmerz in die Brust.
Durch die verquollenen, halb geöffneten Augen sah Khalid seinen Vater über sich aufragen, das Gesicht rot vor Zorn, die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen, die kurze Geißel zu einem weiteren Schlag erhebend.
„Wenn du das noch einmal tust Junge, ich schwöre dir, ich bringe dich um!“
Seine Stimme überschlug sich, während er schrie.
Klatsch
Khalid bemühte sich krampfhaft, nicht zu weinen.
Weinen hätte Vater nur noch wütender gemacht.
Am Rande seines Blickfeldes sah er seinen Bruder, der in der Ecke des kleinen Zimmers kauerte, die Arme um die Knie geschlungen und angstvoll zu ihnen herüberblickte.
Vater würde ihn auch noch bestrafen und das würde die eigentliche Strafe für Khalid werden: zusehen zu müssen, wie Ludger, der völlig unschuldig war, für sein eigenes Vergehen büßen müsste.
Er hatte es nicht tun wollen, er hatte dem Mann nicht in sein Teil beißen wollen, aber er hatte würgen müssen, hatte befürchtet, sich zu übergeben. Das wäre noch schlimmer gewesen.
Und der Mann war doch viel stärker gewesen.
Klatsch
Später würde er sie wieder zu sich rufen. Und dann würde die Nacht beginnen…
Vater hatte natürlich Recht.
Sie mussten Buße tun, weil sie ihrer Mutter bei der Geburt das Leben genommen hatten und da war es nur Recht, dass sie Vater halfen, Geld zu verdienen, damit sie sich Essen kaufen konnten.
Und es war nur Recht, dass Vater sie benutzte, weil er doch keine Frau mehr hatte und es sich nicht leisten konnte, sich selbst welche zu kaufen. Und er war doch ein Mann, also mussten sie ihm helfen bei dem, was ein Mann eben brauchte.
Das hatte Vater gesagt.
Und natürlich hatte er Recht.
Vater hatte doch immer Recht.

Ein beißender Schmerz riss Khalid in die Wirklichkeit zurück.
Schreiend entledigte er sich der Schmerzquelle und hörte ein metallisches Geräusch, als irgendetwas auf den Boden aufschlug.
Doch davon bemerkte der Junge nicht mehr viel.
Sein Herz schien sich selbst überschlagen zu wollen, alles um ihn herum drehte sich in wilden Bahnen.
Schmerz brannte überall, der junge Novize konnte nicht mehr unterscheiden, was Wirklichkeit und was Erinnerung war.
Schließlich gab sein gemarterter Geist auf und ließ ihn in neue Schwärze sinken, als Khalids Kopf hart auf dem Steinboden der Kapelle aufschlug.

*

Vater…?“
Feldokar schrak auf, als Khalid plötzlich zu sprechen begann. Doch er sah, dass die Augen des jungen Mannes, der in dem großen Krankenbett recht verloren wirkte, noch fest geschlossen waren.
„Ja, mein Sohn?“, antwortete der Abt, der es gewohnt war, auf diese Art angesprochen zu werden. Er konnte nicht wissen, dass er nicht gemeint war.
„Vater…es tut mir so leid…“
„Ist schon gut mein Sohn“, Feldokar strich sanft über das Haar des Jungen, „es ist nicht deine Schuld, du hast nichts verbrochen.“
Der Abt seufzte schwer, als er sah, wie sich ein entspanntes Lächeln auf Khalids Gesicht zeigte.
„Es ist nicht deine Schuld, Junge…“

Khalids Bewusstsein kehrte langsam zurück, wie um ihn zu schonen.
Doch schon bevor er die Kraft fand, die Augen zu öffnen, bemerkte er den scharfen Geruch von Chemikalien in der Luft, die weichen Kissen unter seinem Kopf und das geschäftige Treiben auf den Fluren vor seinem Zimmer.
Er war im Hospital.
Mit dieser Erkenntnis kamen die Erinnerungen und der damit verbundene Schmerz zurück, der von seiner rechten Hand ausgehend pulsierende Wellen durch seinen Körper sandte.
Stöhnend drehte der junge Mann auf die Seite und öffnete die Augen, langsam, um sich gegen das grelle Licht zu wappnen, das er erwartete.
Doch das weiße Zimmer war nur in den sanften Schein einer einzelnen Kerze getaucht, die Läden des Fensters geschlossen. Draußen schien es tiefe Nacht zu sein.
„Gemach, Junge!“, tönte eine Stimme hinter ihm, „Du solltest deinen Körper nicht überbeanspruchen.“
Khalid gehorchte und blieb ruhig liegen, als er hörte, wie Feldokar von der anderen Seite des Zimmers zu ihm herüberlief und schließlich in sein Blickfeld trat. In dem Gesicht des Abtes standen Mitgefühl und Sorge und noch etwas anderes, das Khalid nicht so recht deuten konnte.
„Wie geht es dir mein Sohn?“, fragte der Alte. Khalid lächelte schmerzlich.
„Nun, ich fühle mich, als wäre ich von einer Ochsenherde überrannt worden. Was ist passiert?“
Feldokar zog einen Hocker hervor und nahm seufzend darauf Platz.
„Du hast dich in deiner Meditation zu weit von deinem Körper entfernt, fast hätte sich deine Seele unwiderruflich von ihm gelöst. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich wie du dich fühlst. Offen gesagt bin ich überrascht, dass du bereits aufgewacht bist, du hast nur wenige Stunden geschlafen.“
Der Abt hatte Recht, Khalid fühlte sich alles andere als erholt.
„Ich habe die Prüfung nicht bestanden, nicht wahr?“
Feldokar sah weg, schwieg aber.
„Was wird nun geschehen?“ Der junge Mann hatte Mühe zu sprechen.
„Ruh dich erst einmal aus, Sohn. Wenn du dich erholt hast, werden wir über alles sprechen.“
„Nein Vater!“, erwiderte Khalid und versuchte, seine Stimme fest klingen zu lassen, „Bitte sagt es mir jetzt. Muss ich das Kloster verlassen?“
Der Abt blickte ihn mit gequältem Ausdruck im Gesicht an. Er schien mehr unter diesem Gespräch zu leiden als sein Gegenüber.
„Ja“, antwortete er schließlich, „aber es ist nicht so schlimm wie du vielleicht vermutest. Du wirst deine Pilgerreise früher antreten als die anderen und du wirst ein Jahr und einen Tag an den Orten der Meditation in Raggar verbringen. Dann kannst du zu uns zurückkehren und es erneut versuchen.“
Khalid schloss die Augen. Ein Jahr und ein Tag. Die Reise der anderen würde nur wenige Monate dauern. Dennoch, es war eine mildere Strafe, als er erwartet hätte.
„Wann muss ich gehen?“
„Sobald du dich wieder völlig erholt hast. Setz dich nicht selbst unter Druck, Khalid.“ Mit diesen Worten erhob sich Feldokar. „Ich sollte nun deinen Bruder holen, er wartet schon die ganze Zeit vor der Tür. Ich hatte ihn gebeten, zuerst mit dir sprechen zu dürfen.“
Der junge Novize stöhnte auf.
„Oh nein, Vater! Seid nicht so grausam, ich bin doch bereits gestraft!“
Der Abt lächelte, auch wenn es ein wenig gezwungen schien und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer.

„Khalid! Geht es dir gut? Brauchst du etwas? Hast du Hunger? Oder Durst? Kann ich irgendetwas für dich tun?“
Der Angesprochene stöhnte entnervt auf.
„Für den Moment würde es reichen, wenn du mich nicht zu Tode drückst!“
Ludger nickte und ließ von seinem Bruder ab.
„Nimm Platz“, fuhr Khalid fort, „mein Heim ist dein Heim.“
Sein Bruder gehorchte, hielt seine linke Hand aber weiter fest umklammert. Khalid blickte ihn mitleidig an. Man konnte sehen, dass Ludger geweint hatte.
„Was war passiert?“ fragte dieser nun in wesentlich ruhigerem Ton.
„Ich weiß es nicht, ehrlich nicht. Irgendwie habe ich die Kontrolle verloren. Es war…als hätte jemand mein Seil durchgeschnitten.“
„Aber wer könnte das gewesen sein?“
Khalid zuckte mit den Schultern, woraufhin neuerliche Wellen von Schmerz durch seinen Körper rasten.
„Vielleicht irre ich mich auch, vielleicht bin ich einfach nicht so gut wie ich dachte.“
Doch Ludger machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Das ist Unsinn, kleiner Bruder! Du bist einer der besten Schüler, die dieses Kloster jemals gesehen hat und das wissen die anderen auch. Alle fragen sich, warum du die Prüfung nicht bestanden hast.“
Khalid nickte. Trotz aller Bescheidenheit, er war einer der besten in der Kunst der Meditation. Irgendetwas hatte ihn gestört und in die Traumwelt seiner Vergangenheit zurückgeworfen.
Doch darüber musste er später nachdenken, jetzt gab es erstmal noch eine unangenehme Sache zu erledigen.
„Ich werde weggehen, Ludger!“, sagte er geradeheraus, „Doch nicht für ewig. Feldokar hat mir aufgetragen ein Jahr und einen Tag an den Orten der Meditation zu studieren und dann zurückzukehren.“
Ludgers Blick wurde panisch, der Griff, mit dem er Khalids Hand umklammerte, schmerzhaft.
„Was? Aber du darfst nicht gehen! Was…was soll ich denn ohne dich hier machen? Lass mich mit dem Abt reden, vielleicht können wir noch irgendetwas daran ändern. Das sind doch alte verstaubte Regeln von vor Hunderten von Jahren. Mal ehrlich, wen interessieren die heute noch? Du darfst nicht gehen, Khalid, bitte! Wir waren noch nie so lange voneinander getrennt!“
„Wir hätten so oder so nicht die Pilgerfahrt gemeinsam unternehmen können und uns mehrere Monate nicht gesehen. Und ich gehe ja nicht für immer, ich werde doch zurückkommen.“
Ludger schüttelte nur unablässig den Kopf, als versuchte er, die Realität zu verändern, indem er sie nicht wahrnahm.
„Bitte lass uns morgen weiter darüber reden.“, fuhr Khalid fort, „Ich bin ziemlich müde und muss mich ein wenig ausruhen.“
Sein Bruder nickte und erhob sich, das Gesicht krampfhaft verzerrt in dem Bemühen, Haltung zu bewahren.
„Dann schlaf gut kleiner Bruder! Ich werde morgen früh wieder bei dir sein.“
Im Hinausgehen löschte Ludger die Kerze und hinterließ Khalid im Schein des fahlen Mondes, dessen Licht durch die Ritzen in den Fensterläden auf das Bett drang.
So nie in seinem Leben hatte er seinen Bruder als so zerbrechlich empfunden.
Khalid wartete einen Moment, nachdem er wieder allein war, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten und wickelte dann langsam den Verband von seiner rechten Hand.
Eine kalte Hand schien sich auf sein Herz zu legen, als er die rote nässende Wunde darunter sah, die später eine kreisrunde Narbe auf seiner Handinnenfläche hinterlassen würde.
Das grimmige Lächeln, das auf dem Gesicht des jungen Mannes erschien hätte wohl jedem das Blut in den Adern gefrieren lassen.
Die Einzigen, die es verstanden, eine solche Narbe zu heilen, waren die Heiler dieses Klosters.
Doch sie würden nichts dergleichen tun.
Er war nun gezeichnet.
 
sehr gute geschichte.
bin durch diese hier auf "Sha-Ira" gekommen und hab sie ma fix gelesen :D.
finde beide stories,obwohl die eine noch recht jung ist, sehr interessant und gut geschrieben.
vor allem die starken veränderungen der figuren , die sie zum teil auch selbst nur allzu gut bemerken,besonders gut.
weiter so ;P. :top:
 
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