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[Story] Herzblut

:hy:

Da gibts doch tatsächlich noch ein paar alte Gesichter! :D

Zwar wollen meine Augen heute die Story nicht mehr so richtig lesen und auch die Chance, daß ich wieder öfter hier reinschaue ist gering, aber mal kurz reingrüßen lass ich mir nicht nehmen ;)
 
Hallo,

wie immer finde ich dein Update gut geschrieben. Wenn mal zu einem Kapitel von mir kein Kommentar kommen sollte, liegt es daran, dass ich mir irgendwann denke, dass es mich stört, immer nur das gleiche zu schreiben, dass es gut ist und mich unterhält und fesselt und dass ich mich auf das nächste update freue. Kritik fällt mir dazu keine ein. Dafür muss dann wohl schon ein Fachmann / Fachfrau her.

Deine zwei Wochen schonzeit sind schon weit überschritten. Wir hätten von dir gerne jetzt ein paar größere Updates. :fight: Wenn du jetzt so viel Zeit hast, dann nur zu.

lg, Gandalf
 
@ Runabout: Hey, schön, dich auch ma wieder hier zu sehen :hy: Setz dich doch, nimm dir nen Keks, machs dir gemütlich, aber hau net gleich wieder ab ;)

@ G4nd4lf: Ein bissl Geduld bitte noch, hab im Moment viel um die Ohren, weil ich nach neuen Mitbewohnern suchen muss. Aber sobald ich wieder nen bissl Zeit und Ruhe hab, gehts weiter, versprochen!
 
Update :D

Das sieht immer so wenig aus, wenn´s hier gepostet is...
najo, viel Spaß :)
 
Warum denn? So lässt er sich mehr Freiheiten :) Aber wenn du den Titel ändern willst , sag mir Bescheid.

Ulli
 
Also ich weiß schon, was nachher den Titel geben wird, ich weiß nur noch net, wie ich das Ding nennen soll, das den Titel geben wird^^
 
Abbdäät :)

Das zweite Kapitel ist nun fertig und damit auch die gesamte Vorgeschichte.
Jetzt gehts los :D

Ich weiß, es läuft net ganz so schnell, wie es soll, aber ich tu mein bestes!

Viel Spaß denn mal!
 
Wie immer geht es sehr gut weiter. Bin gespannt, wie du fortfahren wirst. Was ich ein bisschen seltsam fande war das grimmige lächeln von ihm als er bemerkte, dass sie seine Wunde nicht so heilen, wie es möglich wäre. Ich hätte eher so etwas wie enttäuschung erwartet. Seltsam... Ich bin gespannt :)

lg, Gandalf
 
Es ist ja ok, wenn du sagst, dass es nicht ganz so schnell geht aber in diesem Fall... Schreibst du überhaupt noch?

lg, Gandalf
 
*seufz* Tut mir echt leid, aber das mit der Motivation is neben dem Studium net so leicht, wenn man sich ohnehin schon mit unzähligen Lektüren rumschlägt. Die Story steht ja schon so gut wie, ich müsste sie nur noch aufschreiben, aber nuja...hier is erst mal wieder was und ich geb mir Mühe, mich net wieder so gehen zu lassen.

3

6 Laurane 1084 Laurane morgens

„Musst du unbedingt in aller Frühe losreisen? Die Sonne ist noch nicht einmal aufgegangen!“
Ludger lehnte an der Wand ihrer gemeinsamen Zelle und sah missmutig zu, wie sein Bruder zwei Tuniken, ein Stück Seife, einen Laib Brot, sowie je ein Stück Käse und Hartwurst provisorisch in eine großes Tuch wickelte, das er sich nun über die Schulter warf.
„Je eher, desto besser“, gab Khalid zurück, „Ich möchte nicht, dass alle sehen, wie ich mich auf den Weg in mein Exil mache. Außerdem“, mit einem Blick auf die nun behandschuhte Rechte, „fühle ich mich hier nicht mehr so recht wohl.“
„Ich verstehe dich ja!“ Ludger verließ seinen Wachposten an der Wand und trat auf seinen Bruder zu. „Aber warte doch zumindest noch einen oder zwei Tage. Du bist gerade erst aus dem Hospital entlassen worden, du bist noch nicht bereit für eine so weite Reise.“
Khalid musste lächeln. Sein Bruder war noch immer der festen Überzeugung, ihn beschützen zu müssen.
„Danke für deine Sorge, aber ich werde das schon schaffen. In der ersten Zeit werde ich ja noch auf Dörfer treffen. Wenn ich zu erschöpft sein sollte, kann ich mich dort erholen.“
„Dann nimm zumindest das hier!“
Ludger kramt einige Suons aus der Tasche, zwölf an der Zahl, die Khalid nach einigem Zögern schließlich annahm.
„Na gut, aber ich werde es dir so bald wie möglich zurückzahlen, versprochen!“
Widerwillig musste Ludger grinsen, doch kurz darauf zeigte sich wieder die tiefe Sorge auf seinem Gesicht.
„Pass bloß auf dich auf, kleiner Bruder. Ich brauche dich hier noch!“
Khalid seufzte und schloss Ludger fest in die Arme. Dieser große blonde Trampel wird mir fehlen, dachte er bei sich.
„Es wird Zeit.“, sagte er schließlich laut, „Lass uns gehen!“
Die Sonne zeigte bereits zaghafte Ansätze, hinter dem Horizont hervorzukommen, als die beiden den völlig leeren Klosterhof betraten. Die prickelnd warme Morgenluft versprach einen glühend heißen und staubtrockenen Sommertag.
Es war der Tag der Laurane, ein Tag des Wissens, der Bildung und der geistigen Arbeit vor dem Oris, dem Tag der rechtschaffenen, körperlichen Arbeit. Dies war ein weiterer Grund, weswegen Khalid gerade an diesem Tag losreisen wollte. Es erschien ihm äußerst passend, dass er am Laurane das Kloster eben dieser Heiligen verlassen musste.
Bis zum großen, auch zu dieser Tageszeit offen stehendem, Tor gingen die Brüder schweigend, es konnte im Moment nichts gesagt werden, dass nicht noch weiteren Schmerz verursacht hätte.
Schließlich traten sie gemeinsam hinaus und blickten auf den schmalen Weg, der hinunter nach Eibenbach führte, sich dahinter verbreitete und schließlich weit hinter dem Horizont in die große Weststraße mündete, von wo aus Khalid seinen Weg nach Norden nehmen würde.
„Nun denn…“ begann der nun ausgestoßene Novize, ohne jedoch zu wissen, wie er den Satz fortführen sollte. Stattdessen beließ er es bei einer hilflosen Armbewegung und blickte seinen Bruder an, in der Hoffnung, dieser würde irgendetwas Passendes sagen.
Ludgers Blick war verschleiert von der tiefen Trauer, die er verspüren musste, doch er zeigte sich gefasst. In diesem Moment wirkte er ungemein erwachsen.
„Geh schon, kleiner Bruder! Mach es uns beiden nicht noch schwerer.“
Khalid nickte.
„Wirst du endlich aufhören, mich ‚kleiner Bruder’ zu nennen, wenn ich wieder da bin?“
„Wir werden sehen. Ich werde deinen Vorschlag in Erwägung ziehen,“ gab Ludger grinsend zurück.
„Grüß Maria von mir. Und pass gut auf sie auf! Vielleicht sehen wir uns ja schon viel eher wieder, als du glaubst, schließlich musst du auch bald zu deiner Pilgerreise aufbrechen.“
„Ja, wer weiß. Ich hoffe es wirklich.“
„Leb wohl Ludger. Ich…nun ja…bis bald!“
Der Worte waren genug gewechselt. Khalid spürte, dass er mehr nicht würde hervorbringen können. Mit einem letzten Blick auf seinen Bruder und das Kloster, das hinter diesem langsam in den neuen Tag hineindämmerte, machte er den ersten Schritt zurück, wandte sich dann um und lief, schneller als notwendig, getrieben vom Gefühl der Fremdheit die Klosterstraße hinunter durch das Dorf Eibenbach in die unbekannte Landschaft dahinter.
Khalid blickte sich nicht um.
Er wusste nicht, ob er es schaffen würde, weiterzugehen, sähe er noch einmal die bis vor kurzem noch so vertrauten Mauern, die kleiner werdende Silhouette seines Bruders davor, die gewiss noch an der selben Stelle zu sehen war.
In dem jungen Mann kämpften zwei grundverschiedene Emotionen um die Vorherrschaft. Einerseits fühlte er die Schwere des Verlusts so intensiv, dass es ihm schwer fiel, einen Fuß vor den anderen zu setzen, andererseits spürte er immer deutlicher, dass es das Richtige gewesen war, das Kloster zu verlassen, dass er dort nicht hingehörte.
Der Verlust überwog – vorerst.
Doch je weiter der Morgen fortschritt, desto mehr ließ sich Khalid von der ihn umgebenden Schönheit und Lebensfreude ablenken.
Es wurde heiß, doch noch nicht so unerträglich, dass man Schatten hätte suchen müssen. Die Vögel schrieen sich die Seelen aus dem Hals in dem unermüdlichen Versuch, sich gegenseitig zu übertreffen. Seitlich der Straße war dicht bewachsenes Ackerland mit vereinzelten Baumalleen dazwischen. Die Luft roch satt nach Lavendel und wildem Mohn. Ein Tag, geschaffen für Künstler und Poeten in ihren Versuchen, die Schönheit der Welt ewig festzuhalten. Und mitten in alledem wie ein kleiner Makel ein junger Mann, der sich noch nicht so recht sicher war, ob es ein Frevel wäre, sich zu freuen.
Die Freiheit schmeckt bittersüß, ging es ihm immer wieder durch den Kopf.
Den ganzen Vormittag über begegnete Khalid keiner Menschenseele. Auch die Landschaft veränderte sich kaum und so begann er, Melodien zu pfeifen, von denen er nicht einmal genau wusste, woher er sie kannte.
Als die Mittagssonne schließlich drückend wurde und der Novize gerade ein kleines Waldstück durchquerte, setzte er sich am Stamm einer alten Ulme nieder, um eine kleine Rast einzulegen.
Bewusst teilte sich Khalid seinen Proviant ein, biss nur ein paar mal von einem Kanten Brot ab und nahm dazu etwas Käse und einige, leider äußerst saure, Johannisbeeren, die er am Wegrand gepflückt hatte.
Da er keinen Grund fand, der ihn zur Eile hätte treiben können, und ihn nun nach dem Essen eine matte Schläfrigkeit überkam, streckte sich der Pilgerjüngling auf dem weichen, moosbewachsenen Boden aus und ließ sich von den Geräuschen des Waldes in einen dämmrigen Halbschlaf gleiten.

Als Khalid wieder erwachte, war es ihm unmöglich zu sagen, wie viel Zeit vergangen war. Das Licht war düster geworden und dichte Wolken verdeckten den Himmel, die Sonne war nicht zu sehen.
Fluchend richtete sich der junge Mann auf. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dass es zu regnen anfangen würde, noch ehe er ein Obdach fände. Doch als er sich gerade wieder den Beutel über die Schulter geworfen hatte um weiterzumarschieren, hielt er inne und sein Blick wanderte über den Waldboden und fixierte schließlich einen Punkt.
Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, legte Khalid seine Habe wieder beiseite und fing an, zunächst zögernd, dann immer schneller und schließlich wie vom wilden Hund gebissen, im Boden zu graben.
Der Anfall war so schnell wieder vorbei wie er gekommen war und ein verwirrter junger Mann blickte in ein armtiefes Loch, auf dessen Grund er einige schwarze Knollen ausmachen konnte.
Mit der Gewissheit, es sei besser, sich selbst keine Fragen zu stellen, zog er die daumengroßen Gewächse aus der Erde und betrachtete sie.
Es schien eine Art Pilz zu sein, aber etwas Ähnliches hatte er bislang noch nie gesehen.
Schultern zuckend legte der Finder insgesamt ein halbes Dutzend dieser Erdpilze mit in sein Tuch und erhob sich, missbilligend die verdreckte Tunika bemerkend.
Die Weiterreise war nun merklich unangenehmer, die Luft war erdrückend schwül, der Himmel von einer dichten grauen Wolkendecke überzogen. Die Furcht vor dem bevorstehenden Gewitter trieb Khalid zu schweißtreibender Hast an.
Dennoch ließ der Regen noch zwei Stunden auf sich warten, setzte jedoch dann mit unvermittelter Heftigkeit ein.
Khalids dünne Kleidung war binnen weniger Momente völlig durchnässt. Hektisch blickte er sich um, suchte nach Zivilisation, fand keine. Das weite Ackerland war mittlerweile abgelöst worden von endlosen Weiden, die nur von kleinen Baumbeständen unterbrochen wurden. Weit und breit war kein Gehöft zu sehen.
Resigniert, keine andere Möglichkeit sehend, lief der Durchnässt weiter den Weg entlang, während die Welt um ihn ins Dunkel versank und er schließlich nicht mehr sehen konnte als eine Wand aus Wasser zu jeder Seite.
Später konnte er nicht mehr sagen, wie lange er durch den strömenden Regen geirrt war, gefühlt war es wohl ein ganzes Menschenalter, bis aus der Ferne jenes Licht auftauchte, das er erst spät bemerkte, das ihn aber daraufhin umso mehr antrieb.
Nach und nach schälten sich die Umrisse eines größeren Gebäudes aus der Düsternis und als Khalid näher kam, erkannte er die Quelle des Lichts, das ihm wie ein rettender Anker erschien, als Sturmlaterne, die am Aushängeschild des offensichtlichen Gasthofes hin- und herklapperte. Dahinter konnte er verschwommen mit verwässerten Augen eine große gepflasterte Straße erkennen, die nach rechts und links abzweigte und sich dann im Dunkel verlor.
Also hatte er die Reichsstraße erreicht, früher als erwartet.
Doch dafür interessierte sich Khalid im Moment kaum, ebenso wenig für die Aufschrift des Schildes, auf dem „An der Klosterkreuzung“ geschrieben stand. Die Aussicht auf ein warmes und trockenes Plätzchen zog ihn direkt in das Gebäude hinein.

Am späten Morgen war ihnen mitgeteilt worden, dass sich aufgrund einer wichtigen Ankündigung – anders als sonst – alle Mitglieder des Klosters zugleich zum Abendessen einfinden sollten.
Ludger beobachtete nachdenklich die hereinkommenden, bis aufs Mark durchnässten Menschen und fragte sich, wo Khalid gerade sein mochte.
Als sich der Tumult in dem großen Speisesaal einigermaßen gelegt hatte, erhob sich der Abt von seinem Platz zwischen den anderen Älteren und wandte sich der Menge zu.
Sofort verstummten alle Gespräche.
„Meine lieben Brüder und Schwestern“, begann Feldokar, „es tut mir außerordentlich leid, wenn ich euch von euren Pflichten abhalte, aber ich habe euch etwas mitzuteilen und es ist einfacher, wenn ihr direkt alle anwesend seid.“
Er machte eine dramatische Pause und blickte in die Runde. Es war offensichtlich, dass ihm nicht wohl war bei dem, was er tat.
„Es wird in diesem Jahr für die Novizen keine Pilgerreise zu den Meditationsstätten des Nordens geben.“
Erregtes Gemurmel erhob sich nach diesen Worten im Saal. Ludger erhob sich entsetzt. Der Abt musste sich mit einigen beschwichtigenden Gesten wieder Ruhe verschaffen.
„Ich weiß, dass dies eine harte Entscheidung ist und sie ist mir nicht leicht gefallen. Doch ich habe Berichte gehört, nach denen die Barbaren ihre Stämme vereint und eine gemeinsame Streitmacht errichtet haben sollen, um in den Süden zu marschieren. Es soll schon vereinzelte Angriffe im Nordwesten Maza´als gegeben haben. Ich kann und will nicht euch gute junge Männer auf diese ohnehin schon so gefährliche Reise in so unruhigen Zeiten schicken. Ihr werdet bereits am Unterricht der Akoluthen teilnehmen, die Pilgerfahrt werdet ihr dann später nachholen, wenn sich die Dinge beruhigt haben. Wir wollen alle hoffen, dass das bald sein wird. Nun möchte ich euch nicht länger aufhalten und wünsche euch einen guten Appetit und den Segen Lauranes.“
Unvermittelt setzten die Gespräche an allen Tischen gleichzeitig ein, doch Ludger blieb weiter stehen und sah Feldokar wie erstarrt an. Dieser nickte ihm zu und verließ den Saal. Nach kurzem Zögern folgte ihm der Novize, der immer noch aus allen Wolken gefallen zu sein schien.
In einem kleinen Nebenraum, dessen Nutzen Ludger gerade nicht einfallen wollte, wartete der Ältere auf ihn.
„Ich denke mir, du möchtest mit mir reden?“
Ludger hob an, wusste dann aber doch nicht, was von den zahllosen Dingen, die ihm durch den Kopf schwirrten, er zuerst aussprechen sollte.
Als keine Antwort kam, fuhr Feldokar fort:
„Hör mir zu Ludger: Ich habe die Nachricht erst heute bekommen und sofort meine Schritte eingeleitet. Khalid ist heute Morgen ohne ein Wort zu mir verschwunden. Hätte ich gewusst, wie die Dinge sind, ich hätte ihn aufgehalten, das musst du mir glauben. Ich habe einige Reiter ausgeschickt, die ihn finden und hierher zurückbringen sollen. Seine Verbannung vergessen wir einmal für den Moment, es gibt Wichtigeres.“
Ludger antworte noch immer nicht und nach einigen Momenten des Schweigens fasste ihn der Abt bei der Schulter.
„Dein Bruder ist ein gewiefter Bursche, das solltest gerade du wissen. Er wird zurechtkommen, bis er gefunden wird. Mach die keine Sorgen um ihn, in ein oder zwei Tagen ist er wieder in diesen Mauern und in Sicherheit. Ich liebe euch beide wie meine eigenen Söhne, seit ihr in dieses Kloster gekommen seid. Schon allein wegen allem, was ihr durchmachen musstet. Glaub mir Ludger, ich werde dafür sorgen, dass es Khalid gut geht. Und nun komm wieder herein und lass uns gemeinsam essen und dann beten wir für seine Sichere Heimkehr.“
Der junge Mann machte eine abwehrende Handbewegung, noch immer blass.
„Danke Hochwürden, ich habe keinen Hunger. Ich werde…ein wenig spazieren gehen…nachdenken.“
Mit diesen Worten wollte er den Raum verlassen, doch der Abt hielt ihn noch einmal zurück und sah ihm tief in die Augen. Sein Blick war voller Sorge und es schien, als sei er in den letzten Tagen merkwürdig schnell gealtert.
„Tu nichts Unüberlegtes mein Sohn. Du weißt, dass das Unerlaubte Verlassen des Klostergeländes mit Ausschluss aus dem Orden bestraft wird. Außerdem möchte ich nicht nach zwei verlorenen Söhnen suchen müssen. Hast du verstanden?“
Ohne ein weiteres Wort ließ Ludger den alten Mann stehen.

*

Es war, als betrete er eine andere Welt.
Sobald er die schwere Holztür mit Mühe ins Schloss gedrückt hatte, wurde es atemberaubend still und köstlich warm. Der Sturm schien draußen ausgesperrt zu sein und konnte nicht vordringen in diese Insel der Ruhe.
Khalid atmete erleichtert auf und merkte erst jetzt an seinem schmerzenden Kiefer, wie sehr er die Zähne aufeinander gepresst hatte, während er sich durch das Unwetter kämpfte.
Der Innenraum des Gasthauses war nicht sonderlich geräumig und dazu sehr sparsam eingerichtet. Dennoch vermittelten die holzvertäfelten mit Tuch behangenen Wände und vor alles das im Kamin lebhaft prasselnde Feuer häusliche Gemütlichkeit und Wärme. Die verschiedenfarbigen Vorhänge tauchten den Raum in ein harmonisches, aber nicht näher zu beschreibendes Gemisch von Farben, so dass das Licht weder zu hell noch zu dunkel war.
Wer immer dieses Vorhänge arrangiert hatte, wusste genau, was er tat. Oder sie. Khalid vermutete eher sie.
Im Kontrast dazu standen die grob zusammengezimmerten, eher praktisch geplanten vier Tische, auf deren Bänke jeweils gut zehn Personen bequem Platz nehmen konnten.
Nachdem weit und breit niemand zu sehen war, schritt Khalid, trotz der Wärme noch immer zitternd, über den mit Stroh bestreuten Fußboden aus gestampftem Lehm hinüber zu der den Tischen nicht unähnlich anmutenden Theke.
Hinter dem Tresen war eine geschlossene Tür zu sehen, die vermutlich in die Küche führte, weiter nichts. Zur Rechten hing ein weiterer schwerer Vorhang, hinter dem der Wanderer eine aufwärts führende Treppe ausmachen konnte.
Es war noch immer unbehaglich still, als hätten die Tücher alle Geräusche der Welt geschluckt. Khalid wurde langsam nervös. Er hoffte inständig, dass das Gasthaus einen Stall besäße, denn für ein Zimmer würde sein Geld wohl kaum reichen, selbst wenn er Arbeitskraft anböte, was im Moment wohl wenig vonnöten zu sein schien.
Der Novize war schon im Begriff, sich hinter den Tresen zu begeben, als er von der Treppe Schritte vernahm.
Als der Vorhand wenig sanft zur Seite geschoben wurde, war der einen stämmigen Wirt erwartende junge Mann zunächst überrascht. Stattdessen betrat nämlich eine tief über einen kunstvoll geschnitzten Gehstock gebeugte Gestalt unter endlosem aber vollständig unverständlichem Gemurmel den Schankraum. Es war Khalid unmöglich, das Alter dieses Mannes festzustellen, der seinen Gast offensichtlich noch gar nicht bemerkt hatte, sondern die Fenster ablief und die Läden überprüfte, während er sein fast schon melodisch anmutendes Gebrabbel fortsetzte.
Amüsiert beobachtete Khalid ihn dabei und fragte sich beiläufig, ob der schwere Wollumhang, den der Alte trotz der Wärme hier drinnen trug, dessen gebückte Gestalt überhaupt erst verursachte, bevor er mit einem vernehmlichen Räuspern auf sich aufmerksam machte.
Das Gemurmel endete abrupt und die Gestalt wandte sich mit erbarmungswürdiger Langsamkeit um. Als der Alte sich bemühte, den Kopf zu heben, um ihn ins Blickfeld zu bekommen, sah Khalid ein Gesicht, dessen Konturen man vor lauter Falten kaum mehr wahrnehmen konnte. Dennoch vermutete er, dass sein Gegenüber einst ein gutaussehender Mann gewesen war, die nussbraunen, äußerst intelligent glitzernden Augen zeugten nocht heute davon. Doch diese Zeiten mussten verdammt lange her sein. Es schien, als wäre sein Gesicht eine Maske, die im Regen verlaufen war. Gekrönt wurde das Ganze durch einen Kranz silbrig weißer Haare, die an der Stirn bereits eine größere Lücke aufwiesen und den Jüngeren daran erinnerten, dass ihm eine ähnliche Haartracht noch bevorstehen würde, allerdings in nicht ganz so ferner Zukunft.
“Junge!” kam ihm eine überraschend tiefe, kratzige Stimme entgegen, die er eher einem Köhler oder Bergmann zugeordnet hätte. “Was machsu denn hier? Da draußn probn se den Weltunnergann.”
“Nun ja, deswegen bin ich auch hier drinnen und nicht dort draußen.” Khalid lächelte unsicher. Reden war nicht seine Stärke. “Ich bin ein Pilger aus dem Kloster Eibenbach. Ich war auf der Durchreise nach Norden und wurde von dem Gewitter überrascht. Ich... wollte euch fragen, ob ihr einen Schlafplatz in der Scheune und etwas zu Essen habt.”
Der alte Mann lachte, was klang als würde man einen Beutel mit Steinen schütteln, und zeigte dabei das schwarze Loch in seinem Mund. Khalid mochte sich nicht vorstellen, was dort in den Schatten lauerte.
“Nen keckes Bürschchen bisse. Hassu denn auch genuch Geld, um dein vorlautes Mundwerk zu rechtfertign?”
Der Mann schleppte sich langsam heran, die sanften und zugleich durchdringenden Augen weiter auf den Jüngeren gerichtet.
Dieser überlegte noch, was er antworten sollte, als der Greis bereits fortfuhr.
“Lasset gut sein Junge. Bis nich der erste Novisse, der auf seiner Wallfahrt hier vorbeikommt. Ich würde nie nich von nem Jünger vonner Laurane Geld annehm. Dennoch”, er hob mahnend den Zeigefinger, als sich das Gesicht des nassen Wanderers aufhellte, “erwarte ich von jedem von euch Burschen, dasser mir im Gegnzuch hier nen bisschen zur Hand geht.”
Khalid nickte eifrig, während sein Gegenüber grübelnd an ihm vorbei schaute.
“Lass mich ma überlegen. Heut is türlich nimmer viel zu tun. Werdn wohl auch nich kehnen Gast mehr ham. Für Arbeitn draußn isset Wetter zu mies. Am bestn wäret, wenne mein Gilla frachst, mein Tochter. Die is inne Küch und macht uns Vesper fettich.”
Er bekräftigte seinen Entschluss mit einem Nicken und machte Anstalten, sich von Khalid abzuwenden, hielt dann aber noch einmal inne und streckte diesem eine arthritisch gekrümmte Hand entgegen.
“Man nennt mich übrigens Samuel. Willkommn inner Klosterkreussung!”

Normalerweise gab es für ihn nichts Schöneres, als mit Maria im Arm im Stroh der Scheune ihres Vaters zu liegen und mit der Hand den gleichmäßigen Herzschlag unter ihrer Brust zu erfühlen, doch heute konnte Ludger keine Ruhe finden. Und er spürte, dass seine Geliebte sich ebenso Sorgen machte.
“Er ist irgendwo da draußen, Maria. Jederzeit könnte er diesen verdammten Barbaren in die Arme laufen. Und ich sitze hier nutzlos herum! Verdammt, ich halte das nicht länger aus!”
Sanft schob er die junge Frau beiseite und erhob sich, um ruhelos auf und ab zu laufen. Diese warf ihm einen mitleidigen Blick zu.
“Ich weiß, Ludger. Aber der Abt hat Recht, Khalid kann sehr gut auf sich selbst aufpassen.”
“Ich muss ihn suchen, er kann noch nicht weit gekommen sein!”
Maria trat nun auf ihren Gefährten zu, nahm ihn bei der Schulter und unterbrach so seinen endlosen Gang. Ihr Blick suchte seine Augen und hielt sie fest.
“Hör mir zu Ludger!” Sie betonte jede einzelne Silbe, um deutlich zu machen, wie ernst es ihr war. “Khalid ist dein Bruder und ihr habt jede freie Minute eures Lebens miteinander verbracht. Daher werde ich jede deiner Entscheidungen akzeptieren, wie sie auch aussehen mögen. Aber bedenke Folgendes: die Welt dort draußen ist riesig und du kannst noch nicht sicher sagen, ob er weiter auf der Straße reist oder nicht. Es ist unwahrscheinlich, dass du ihn alleine und zu Fuß finden kannst. Vermutlich würdest du dich nur verirren und die Reiter des Abts müssten dich auch noch zurückholen. Sie werden ihn vielleicht schon morgen, spätestens aber übermorgen gefunden haben. Dafür solltest du nicht deinen Ausschluss aus dem Orden riskieren. Und nicht zuletzt,” ihr Blick glitt zur Seite, “würde ich krank werden vor Sorge, wenn du auch noch verschwinden würdest.”
Luder schloss die Frau, deren letzte Worte nur noch erstickt hervorkamen, in die Arme. Ihrem Stolz zuliebe tat er so, als würde er ihre Tränen nicht bemerken.
“Ich würde dir niemals weh tun!”
“Hab Geduld, Ludger. Wir warten noch ein, zwei Tage und dann sehen wir weiter.”
Der Novize nickte, doch wäre er ehrlich zu sich selbst gewesen, hätte er sich eingestehen müssen, dass er nicht überzeugt war.

Der erste Eindruck Khalids von der geräumigen Küche war die verwirrende Mischung verschiedenster Gerüche. Der Duft von süßen und scharfen Gewürzen und Kräutern schlug ihm entgegen und bildete eine Sinfonie, die seine Wahrnehmung überreizte, so dass ihm kurz schwindelig wurde.
Der Raum selbst war fast so groß wie der Schankraum und angefüllt mit Dutzenden von Regalen, in denen sich Geschirr für mindestens hundert Personen stapelte, ebenso Tiegel, Flaschen und Krüge verschiedener Größen mit nicht näher bezeichnetem Inhalt. An der gegenüberliegenden Wand brannte unter einem gewaltigen Rauchfang ein nicht minder großes Feuer, auf dem zur Zeit allerdings ein recht kleiner Topf hing.
In diesem rührte die offensichtliche Herrin der Küche, ein Koloss von Frau, mit Sicherheit an die zwei Schritt lang, fast genauso breit und mit den Schultern eines Hufschmieds.
Bei seinem Eintreten hielt sie in ihrer Tätigkeit inne und wandte sich ihm zu, wobei ihr langes weißblondes Haar, das stellenweise zu Zöpfen geflochten war, so tief hing, dass Khalid fürchtete, es könnte Feuer fangen.
“Was gibt´s?” donnerte ihm eine markante, aber durchaus weibliche Stimmte entgegen.
“Seid ihr Gilla?”, gab er schüchtern zurück, “Euer Vater hat...”
“Die bin ich und ich bin weder mehrere Personen noch was Besonderes, also lass die verdammte Höflichkeit sein! Du bist ein Novize vom Lauranerkloster, hm?”
Der Angesprochene nickte, woraufhin Gilla schnellen Schrittes auf ihn zu kam. Er fühlte sich unbewusst an einen wütenden Bullen erinnert.
“Also wie gesagt, ich bin Gilla.” Sie reichte ihm eine gewaltige Hand und Khalid musste sich zusammennehmen, um nicht vor Schmerz zu zucken, als er sie ergriff.
Dann stemmte die Matrone die Hände in die Hüften und blickte auf ihn herab. Sie stand direkt vor ihm, so dass der Novize Mühe hatte, an ihrem ausladendem Busen vorbei in ihr Gesicht zu schauen.
“Ne Menge ist ja nicht gerade an dir dran, Junge. Nun, viel ist heute so oder so nicht zu tun. Zuerst holen wir dich aus diesen Lumpen heraus, so kann ich dich nicht gebrauchen. Wie heißt du, Junge?”
“Khalid,” brachte dieser hervor, während er von Gilla in einen Nebenraum gezogen wurde, in dem Kleidung, Möbel, Puppen und alles sonst Denkbare lagerte.
Die Hünin wühlte kurz in einer Kiste und holte dann eine Hose, ein Hemd und ein großes graues Tuch hervor. Letzteres reichte sie ihm, legte die Kleidung auf die Truhe und riss Khalid daraufhin die Tunika vom Leib, was diesen dazu brachte, ein wenig männliches Geräusch von sich zu geben.
“Nun stell dich nicht so an, Junge. Hast doch nix, dessen du dich schämen müsstest.” kommentierte Gilla grinsend. “Außerdem konnte ich ja nicht ahnen, dass ihr Mönche keine Unterwäsche tragt. So, jetzt trockne dich erst mal ab!”
Die Wirtstochter wandte sich noch einmal der Truhe zu, holte einen Lendenschurz hervor und legte ihn zu den restlichen Sachen.
“Du hast Glück, Junge. Du hast ungefähr die gleiche Statur wie mein früherer Mann.”
Khalid schauderte bei dem Gedanken.
“Wo ist dein Mann jetzt?” fragte er, um sich abzulenken.
“Fort. Weggelaufen. Kein großer Verlust. Du kannst auch die Sandalen ausziehen, ich hab hier noch ein paar Stiefel für dich.”
“Ich danke euch... dir,” verbesserte sich der Novize hastig, während er sich wieder ankleidete. Die Sachen waren gut, die Hose aus robustem Wildleder, das Hemd aus Schafswolle, ohne dabei zu kratzen. Die Stiefel waren aus weichem Leder und mit Pelz gefüttert.
“Dank mir nicht zu früh, Junge! Die Kleidung ist nur für deinen Aufenthalt hier. Ich werde dein Zeug waschen und trocknen und morgen kannst du es wieder mitnehmen.”
Khalid nickte, war aber dennoch dankbar für die Großzügigkeit der Köchin. Nebenher fragte er sich, wozu die Frau nach seinem Namen gefragt hatte, wenn sie es doch vorzog, ihn “Junge” zu nennen.
“Ich werde auch dein Päckchen auspacken und trocknen, was noch zu gebrauchen ist.”
Der junge Mann schluckte. Er hatte noch gar nicht an seine Vorräte gedacht.
“Also mit der Wurst und dem Käse ist alles in Ordnung,” berichtete Gilla, nachdem sie das Tuch losgebunden hatte, “aber das Brot ist völlig durchgeweicht, das kann niemand mehr essen. Und was ist das?”
Sie hielt eine der Knollen hoch, die Khalid eingesteckt hatte.
“Ehrlich gesagt weiß ich das nicht.” gab dieser zur Antwort. “Ich glaube, es ist eine Art Pilz. Ich habe die zufällig im Wald gefunden, unter der Erde. Ich weiß nicht einmal, ob die essbar sind.”
Die Augen der Matrone leuchteten plötzlich.
“Essbar? Kleiner, weißt du überhaupt was du da gefunden hast? Das sind Trüffel! Eine Delikatesse, wahnsinnig teuer und unfassbar schwer zu finden. Und dann gleich sechs dicke Knollen! Die sind ein kleines Vermögen wert! Junge, wie hast du die gefunden?”
“Ich habe... gegraben.”, gab Khalid verwirrt und eingeschüchtert zurück. “Du... kannst sie haben, wenn du möchtest.”
Ein völlig verdatterter Gesichtsausdruck antwortete ihm.
“Schätzchen, du bist kein sonderlich gute Verhandlungspartner. Hör mal: du bekommst die Kleidung dafür, die Übernachtung, das Essen und noch ein paar Münzen, damit du deine Reise sicher fortsetzen kannst. Einverstanden? Ich kann doch einen armen kleinen Mann wie dich nicht ausnutzen.”
Der Novize nickte, auch wenn er sich in seinem Stolz gekränkt fühlte. Es war allerdings auch schwer, sich von dieser gewaltigen Frau nicht einschüchtern zu lassen.
Das Strahlen kehrte wieder auf das Gesicht von Gilla zurück.
“Mit diesen Wunderknollen kann man jedem Gericht, ob süß oder scharf, mehr Geschmack verleihen. Ich mache ein wenig davon in unser Essen, dann wirst du es merken. Du bist wirklich ein Goldjunge, ich könnte dich küssen!”
Kurzzeitig geriet Khalid in Panik, beruhigte sich dann aber wieder, als er sah, dass die Köchin ihre Drohung nicht in die Tat umsetzen würde.
“Nun erzähl mal, wo willst du überhaupt hin?”
“In den Norden, ins Land der Barbaren.”
Gillas Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig und Sorge machte sich breit.
“Süßer, das würde ich mir zwei mal überlegen. Hast du es noch nicht gehört? Die Barbaren sammeln ihre Truppen und scheinen nach Süden marschieren zu wollen. Sie werden nicht begeistert sein über Besuch zu dieser Zeit.”
Der junge Mann war überrascht, davon hatte er tatsächlich noch nichts gehört.
“Sie marschieren in den Süden? Aber wieso das denn?”
“Das weiß niemand. Aber versteh mir einer diese Wilden. Ehrlich Junge, du solltest wieder in dein Kloster zurückkehren, da bist du in Sicherheit.”
“Das geht nicht!” gab Khalid ohne zu Zögern zurück. Es war ein Problem, dass die Raggar Kriegsvorbereitungen trafen, aber zurückkehren konnte er noch nicht, so viel stand fest.
“Kleiner, du...”
“Es geht nicht!” wiederholte sich der Novize energisch. Er wusste, dass Gilla das nicht verstehen konnte und er hatte kein Bedürfnis danach, es ihr zu erklären. Doch die Wirtstochter schien zu merken, wie ernst es ihm war.
“Nun, wenn es dir wirklich so wichtig ist. Aber es bricht mir das Herz bei dem Gedanken, dass dir etwas passieren könnte, Süßer.”
Khalid musste lächeln. Die gewaltige Matrone war auf dem zweiten Blick wirklich liebenswert.
“Kannst du mir bitte erklären, wie ich reisen muss?”
“Du musst einfach der Straße nach Norden folgen, mein Kleiner. Nach zwei Tagesmärschen solltest du die Issir erreichen. Es gibt dort eine Fährstation direkt an der Straße. Dahinter enden alle Wege. Über dieses Land kann ich dir nichts mehr sagen, mein Junge.”
Ihr Gegenüber bedankte sich und bemühte sich, zuversichtlich zu lächeln, woraufhin sich Gilla wieder in die Küche aufmachte.
“Jetzt bekommst du erst mal was Gutes zu essen und danach mache ich dir ein heißes Bad. So warm wie hier wird es dir nämlich in den nächsten paar Wochen nicht mehr werden.”
 
***Dreifach-Post wegen Performance-Problemen***
 
***Vierfach-Post wegen Performance-Problemen***^^
 
Nächstes Up is oben, Kapitel 3 ist damit bereits fertig.
Nach längerem Überlegen hab ich mich jetzt auch für nen Titel entschieden. Genauso wie beim Roman, den ich vor nen paar Jahren angefangen und wieder abgebrochen habe, soll der Titel hier "Herzblut" sein. Hab dem Doc auch schon geschrieben mit der Bitte, den threadtitel zu ändern.
 
Hey,

hab das Update erst jetzt entdeckt. Danke.

Paar Fehler:
Ludger lehnte an der and ihrer gemeinsamen Zelle

dass alle sehen, wich ich mich auf den Weg

Es wurde hei0, doch noch nicht so unerträglich

war mittlerweile abggelöst worden von endlosen Weiden

so tief hing, dass Khalid fürchtete, es könnte Feuer fanden.

Gefällt mir wirklich sehr gut. Interessant, was Khalid für Dinge mehr oder weniger automatisch tut. Bin mal gespannt, was so in ihm steckt. Ich freue mich aufs nächste update wobei ich auch verstehen kann, wenn es jetzt erst mal keine mehr gibt. Ist ja schließlich Prüfungszeit :(

lg, Gandalf
 
So, hab die Fehler korrigiert, lagen wohl dran, dass ich zuerst auf Papier und dann abgeschrieben hab. Danke fürs drauf aufmerksam machen!

Die Prüfungszeit wird net so schlimm dieses Semester, ich schreib "nur" zwei Klausuren. Und ich kann im mom gar net aufhören, hab zu viele Ideen, die ich endlich umsetzen will^^
jedenfalls hab ich meinen Block immer dabei. Ich schreib, wann immer ich kann, um euch weiter zu versorgen :)
 
Hört sich ja gut an. Schön, dass du jetzt auch schon einen Titel für deine Story hast. Ich muss dieses Semester leider 8 Prüfungen schreiben :(

lg, Gandalf
 
Mein Mitleid für dich Gandalf!
So, hier ist der Anfang des vierten Kapitels. Bei Gelegenheit werd ich demnächst eine Übersicht über die 7 Heiligen und ihre Anordnung im Wochenzyklus und eine Karte anfertigen. Für die zeitliche und räumliche Orientierung :)

Edith: Hab in den ersten Post jetzt mal Links gepackt zu den folgenden Kapiteln.


4

6 Laurane 1084 Laurane nachts

Das heiße Wasser war ein Segen.
Khalid würde Gilla nicht oft genug dafür danken können, dass sie ihm dieses Bad bereitet hatte. Er hatte nicht geahnt, wie verspannt er gewesen war. Die Wirtstochter hatte dem Wasser Kräuter beigemischt, die nun einen betörenden Duft freisetzten, seine Muskeln entkrampften und ihn sanft eindösen ließen.
Der Verbannte und vom Wetter Verfluchte lehnte sich an die Innenwand des schweren Holzzubers und war seit langer Zeit zum ersten Mal mit sich und der Welt vollauf zufrieden.
Doch keine Idylle ist jemals perfekt.
In diesem Halbschlaf glitten seine haltlosen Gedanken unbewusst hinüber zu seinem Bruder und der in den letzten Stunden verdrängte Schmerz kehrte mit neuer Intensität wieder und verursachte ein Stechen wie von heißen Nadeln in seinem Herzen.
Plötzlich war das Wasser nicht mehr so angenehm.
Eine klamme Müdigkeit, verursacht durch den harten Tag, unterstützt von der großen Portion Bohnen mit Speck, die unfassbar gut geschmeckt und Khalid einen Eindruck sowohl von Gillas Kochkünsten als auch von der Wirkung der Trüffel vermittelt hatte, übermannte ihn.
Die Matrone schien wirklich einen Narren an ihm gefressen zu haben, denn sie hatte ihm eines der am besten ausgestatteten Zimmer in der “Klosterkreuzung” überlassen. Auch hier waren die Wände mit schweren Vorhängen, die den Raum in ein mysteriöses Licht tauchten, das von unzähligen Kerzen an Wandhalterungen und auf dem schweren Eichentisch, der einen Großteil des Raumes ausmachte, gespendet wurde.
Der größte Luxus des Zimmers war das geräumige Kastenbett mit einer weichen Matratze aus Stroh. Sogar ein mit Federn gefülltes Kissen und eine ebensolche Decke gab es.
Zitternd zog Khalid das weite Trockentuch fest um sich, als er aus der Wanne auf den weichen Schafsfellteppich trat.
Er wusste, er sollte erleichtert sein, in einem warmen Bett schlafen zu können. Diese Möglichkeit würde sich im kommenden Jahr nicht mehr häufig bieten. Doch die Gedanken an seinen Bruder und an das Geschehene, sowie das nervtötende Prickeln in der linken Hand verdarben ihm den Genuss. Um sich abzulenken dachte der Pilger über die weitere Reise nach.
Es war eine Erleichterung, dass er warme Kleidung von Gilla bekommen hatte. In seinem Ärger, der Verwirrung und der Trauer hatte er nicht bedacht, dass es in Ragar selbst im Sommer nicht sehr warm war, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass er auch den gesamten Winter dort im eisigen Norden würde verbringen müssen.
Dennoch bot sich ihm nun ein neues, nicht zu unterschätzendes Problem. Die Nachricht, dass die Barbaren Kriegsvorbereitungen trafen, hatte ihn mehr erschreckt, als er sich hatte anmerken lassen. Es würde wohl am sichersten sein, ihnen so weit möglich aus dem Weg zu gehen. Doch er wusste nicht, wo sich die Meditationsstätten befanden und hatte gehofft, die Ragar hätten ihm den Weg zeigen können. Außerdem konnte er nicht ein ganzes Jahr in der Wildnis überleben.
Solche Grübeleien brachten ihn nicht weiter. Barbaren oder nicht, die Bewohner dieses lebensfeindlichen Landes waren immer noch Menschen und sie würden erkennen können, dass er keine Gefahr darstellte.
Wie ein störendes Insekt wischte Khalid seine Zweifel beiseite. Es blieb ihm so oder so nur eine Richtung, in die er gehen konnte: weiter, immer weiter nach Norden.
Sich selbst Ruhe und Zuversicht vorspielend ging der junge Mann in Richtung des Bettes, dann stutzte er.
Ohne es in irgendeiner Weise realisiert zu haben, hatte der Grübelnde sich, ganz verloren in seinen Gedankengängen, vollständig angekleidet, selbst die Stiefel trug er.
Verärgert blickte Khalid an sich herab. Er würde besser darauf achten müssen, was er tat, sagte er sich und wollte sich gerade wieder entkleiden, als sich die Tür öffnete und Gilla sein Zimmer betrat.
Nun, so hatte ihn seine Gedankenverlorenheit zumindest vor einer peinlichen Situation bewahrt. Der Pilger hatte keine Interesse daran, der Wirtstochter erneut einen Blick auf seinen entblößten Körper zu gewähren.
“Ich habe dir noch etwas mitgebracht!” schmetterte ihm die Gigantin entgegen. In den Händen trug sie einen langen pelzbesetzten Mantel und einen ledernen Umhängebeutel.
“Ich brauche diese Sachen nicht mehr und ich will, dass du gut ausgerüstet bist, mein Süßer. In der Tasche ist frischer Proviant, den wirst du da oben besser gebrauchen können als Geld, die Barbaren handeln so oder so nicht mit Menschen aus dem Süden. Du willst noch weggehen? Ich dachte, du würdest direkt schlafen wollen.”
Sie deutete auf seine Kleidung, doch ehe Khalid ihr antworten konnte, hörte er von unten, wie jemand den Schankraum betrat. Im gleichen Moment spürte er eine rapide wachsende Unruhe in sich. Von einem Augenblick auf den Anderen begann sein Herz zu rasen.
Der junge Mann wusste, was ihm nun bevorstand. Hilflos musste er feststellen, wie eine andere Macht von ihm Besitz ergriff, seine Worte, sein Handeln, selbst sein Denken übernahm und ihn in die Rolle des Beobachters drängte. So stark wie diesmal waren seine Anfälle jedoch noch nicht gewesen.
Hastig nahm er Gilla Mantel und Tasche aus der Hand, wobei sie ihm nur einen verwirrten Blicken entgegenwarf. Mit einer harschen Geste schnitt er ihr jedes mögliche Wort ab.
“Ich muss hier fort! Habt ihr hier eine Hintertür? Kannst du mich rausbringen?”
Als ihm nicht mehr als ein gestottertes “W-was?” antwortete, wurde Khalid eindringlicher und nahm die Frau beim Arm.
“Bitte Gilla! Ich weiß nicht, wieso, aber ich muss von hier verschwinden, sonst passiert etwas Schlimmes.”
Es wusste nicht, was die gute Frau vor ihm dachte, aber er hoffte inständig, sie würde ihm vertrauen.
Und sie tat es.
Ohne ein weiteres Wort nahm die Schankfrau den kleineren Mann an der Schulter und zog ihn mit einer Gewalt hinter sich her, dass dieser um sein Gleichgewicht kämpfen musste.
Die breite Frau legte eine unerwartete Schnelligkeit an den Tag und verursachte dabei überraschend wenig Lärm.
Khalid atmete erleichtert auf, als sie sich von der Treppe zum Schankraum abwandte und ihn weiter den Korridor hinunter führte. Nebenher hörte er Bruchstücke des Gesprächs, das unten geführt wurde und ihm stockte der Atem, als er seinen Namen vernahm.
“Kah-lied? Kennichnich. Noch nie nich von so nem Namen gehört, ne!”
Trotz allem musste der junge Mann grinsen. Das Schicksal schien ihm wohlgesonnen zu sein. Der alte Samuel hatte ihn nicht nach seinem Namen gefragt und er selbst hatte vergessen, ihn zu nennen.
In diesem Moment wäre er fast mit Gillas Hüfte kollidiert, als diese urplötzlich stehen blieb.
Die Tür vor ihnen schien willkürlich ausgewählt, sie unterschied sich in keiner Weise von den Anderen.
Verwirrt die Panik niederkämpfend fand sich Khalid beim Eintreten in einem Zimmer wieder, das seinem recht ähnlich war, jedoch kleiner und weniger gut ausgestattet.
Was wollten sie hier? Das war eine Sackgasse!
Doch unbeirrt zog ihn die große Frau weiter, hin zu dem kleinen Fenster und öffnete leise die schweren Läden.
“Direkt unter diesem Fenster ist das Dach der Scheune.” raunte sie ihm zu. In dem wenigen Licht, das vom Flur hereinkam, konnte er Angst und Sorge in ihren Augen sehen.
“Keine Panik, es ist nicht tief. Da draußen ist es stockfinster, es wird dich niemand sehen. Du musst nur leise sein. Und pass um der Heiligen willen auf, dass du nicht ausrutschst! Zur linken Seite hängt das Dach tief, es dürften keine zwei Schritt bis zum Boden sein. Da kannst du dich herunterlassen.”
Sie hielt inne, dann trat die gewaltige Dame auf ihn zu und schloss ihn nach ihren Maßstäben sanft in die Arme. Zum Glück ließ sie von dem Novizen ab, bevor dieser fürchten musste, einem tragischen Erstickungstod zum Opfer zu fallen.
“Ich weiß nicht, was hier los ist,” fuhr Gilla fort, “aber ich weiß, dass du ein guter Junge bist. Pass auf dich auf, mein Kleiner!”
Dieser nickte, verstaute den Mantel im Beutel, warf sich Letzteren über die Schulter und machte sich daran, aus dem Fenster zu steigen.
“Danke für alles!” warf er noch zurück, bevor er sich ohne eine Reaktion abzuwarten auf das Dach fallen ließ.
Das mit Stroh bedeckte und stellenweise mit Gras und Moos bewachsene Holz dämpfte seinen Aufprall, war allerdings im nassen Zustand auch tückisch glatt.
Der Regen hatte nachgelassen, doch die geschlossene Wolkendecke verbarg Mond und Sterne und tauchte die Welt in undurchdringliche Finsternis.
Einen Moment musste Khalid verzweifelt um sein Gleichgewicht kämpfen. Er stand breitbeinig auf dem Giebel des Daches, das steil zu beiden Seiten abfiel, und seine Füße konnten kaum Halt finden.
Erst als er in die Hocke ging und mit den Händen nachhalf, bekam er festen Stand.
Die Panik in dem jungen Mann wurde immer zudringlicher, es kostete ihn mehr und mehr Mühe, sie zu unterdrücken. Das Herz hämmerte ihm so laut, dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.
Ruhig, ganz ruhig, sagte er sich. Du bist schon auf dem Dach, du musst dich nur langsam herunterlassen, dann hast du es geschafft.
Vorsichtig hob Khalid das rechte Bein über den Giebel, doch bevor er es sicher aufsetzen konnte, gab der Boden unter dem linken Fuß nach.
Einen Augenblick hatte der Flüchtende das irritierende Gefühl, in der Luft zu schweben, bevor sein Kiefer hart auf dem Giebel aufschlug.
Der Schmerz machte ihn so benommen, dass er völlig die Orientierung verlor.
Hilflos scharrten seine Arme haltsuchend über das Dach, während er immer tiefer rutschte und nur einen Moment später war der Boden urplötzlich fort.
Und genauso plötzlich war er wieder da, als Khalid rücklings in einer schlammigen Pfütze landete.
In einer entfernten Ecke seines Geistes dankte der Gestürzte den Heiligen dafür, dass es geregnet hatte, bevor er sich unsicher auf die Beine kämpfte.
Er schmeckte Blut und kleine harte Stücke, die er ausspuckte, ohne weiter darüber nachzudenken. Der Schmerz pochte in seinen Händen, in jedem einzelnen Finger und vor allem in seinem Kiefer, doch Khalid achtete nicht darauf.
Denn in diesem Moment hörte er von der anderen Seite des Gebäudes aufgeregte Stimmen durch die Nacht schallen.
Nur kurz hatte er Gelegenheit, daran zu denken, dass er Samuel und Gilla in Schwierigkeiten gebracht hatte, bevor sein Verstand sich endgültig verabschiedete.
Khalid floh.
Und es war ihm gleich, in welche Richtung er lief, sehen konnte er so oder so nichts, er musste seinen Füßen vertrauen, dass sie den Weg von alleine fanden.
Zeit spielte keine Rolle mehr.
Irgendwann musste er in einen Wald geraten sein, denn Äste schlugen ihm ins Gesicht und Dornen zerkratzten seine Haut.
Immer wieder stolperte der Flüchtende über Wurzeln und Gestrüpp, doch jedes Mal war er nur Momente später wieder auf den Beinen und rannte weiter.
Nirgends konnte er ein Anzeichen anderer Menschen sehen oder hören. dennoch wusste er mit absoluter Sicherheit, dass er verfolgt wurde. Und seine Jäger besaßen Pferde.
Khalid lief bis der Tag anbrach.
Und als die Wolken sich verzogen und die aufgehende Sonne am Himmel auftauchte, gelangte ein einziger bewusster Gedanke zu ihm:
Der Himmel ist rot von Blut.
Dann brach der Gehetzte dort zusammen, wo er stand.
Die Macht, die ihn stundenlang festgehalten hatte, ließ von ihm ab. Zurück blieben Angst, Verwirrung, Schmerz und Erschöpfung.
Er war allein, verfolgt von Menschen, die seinen Tod wollten, und er wusste noch nicht einmal, wieso.
Khalid weinte.
Er lag auf der Seite im nassen Moos und weinte all seinen Schmerz hinaus.
In diesem Moment erwachte Ludger.
Er hatte ein Geräusch gehört.

*

Sie mussten wohl eingeschlafen gewesen sein.
Maria schlummerte noch selig an seiner Brust. Der Rücken des Novizen schmerzte von der unbequemen Sitzposition und seine Haut juckte unangenehm an den Stellen, an denen das Stroh eingedrungen war.
Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, hob Ludger die hübsche Bauerntochter von sich herunter und ließ sie sanft ins Stroh gleiten.
Es schien ihm, als würde jeder einzelne Knochen protestierend ein hässliches Knacken von sich geben, als er sich erhob.
Von draußen fiel warmes rötliches Licht in die Scheune, die Sonne war offensichtlich gerade erst aufgegangen.
In diesem Moment fiel Ludger wieder ein, warum er aufgewacht war. Er hatte etwas seltsam wirres geträumt von einem düsteren Wald und dann kam von irgendwoher ein bedrohlicher Laut, ein Brummen oder Knurren.
Der junge Mann schüttelte den Kopf, wie um die Überreste des Traumes zu verscheuchen.
Ein Blick auf Maria, die friedlich und ruhig dalag, ließ ihn die düsteren Gedanken vergessen. Sie war im Schlaf noch schöner als sonst. Nur zu gern hätte er sich wieder an sie geschmiegt, an ihren blonden Locken gerochen, die immer nach Kräutern dufteten.
Doch zunächst sollte er sich selbst waschen, denn er bezweifelte, dass er im Augenblick einen ähnlich angenehmen Geruch verströmte.
Unwillig riss sich Ludger vom Anblick seiner Geliebten los und streckte die Hand nach der Tür aus, um sich einen Eimer Wasser vom Brunnen zu holen.
Diese Bewegung rettete ihm vermutlich das Leben, denn so brach die Holztür, die urplötzlich mit unglaublicher Gewalt aus den Angeln gerissen und ihm entgegen geworfen wurde, nur das Handgelenk und nicht das Rückgrat.

Als Alef an diesem Morgen wie immer vor allen anderen Novizen aufgestanden und zu seinem Morgenspaziergang aufgebrochen war, hatte er noch nicht ahnen können, dass er in wenigen Minuten den meisten Einwohnern des Dorfes Eibenbach das Leben retten würde.
Der Achtjährige war erst vor wenigen Wochen ins Kloster gekommen, als einer der Ersten der nächsten Generation von Mönchen. Im Herbst erst würden die meisten anderen Jungen dazukommen, denn dann würde der Unterricht beginnen. Als jüngstem Sohn des Grafen von Akitaos hatte man Alef schon früh vorhergesagt, dass er eines Tages traditionsgemäß ins Kloster geschickt würde. Der als ruhig und schüchtern bekannte Junge hatte dieses Schicksal gelassen entgegen genommen. Dennoch wäre es ihm lieber gewesen, er hätte in ein Rahlskloster gedurft, wo man den schönen Künsten frönte und sich die Zeit mit Spielen und Festen vertrieb. Doch der einzige Orden dieser Art, der zum heutigen Tage noch bestand, befand sich in Maza Glares, der Hauptstand von Maza´al.
Wie auch zuhause in Akitaos hatte sich Alef es hier zur Gewohntheit gemacht, mit dem ersten Licht des Morgens aufzustehen, auf die Mauer des Klosters zu klettern und die aufgehende Sonne zu begrüßen.
Zu dieser Zeit des Tages war es hier draußen herrlich still. Der Junge genoss diese Momente in vollen Zügen, denn nur wenig später würde das Kloster erwachen und von neuer Hektik erfüllt sein, die jeder Tag nun einmal mit sich brachte.
Auch an diesem Morgen beobachtete Alef fasziniert, wie der Teppich aus orange-rotem Licht sich von Osten her über den Boden schob und die Finsternis vertrieb, die nur widerwillig dem neuen Tag Platz zu machen schien.
Doch etwas war anders. Sonst hatte er nie bemerkt, dass jemand um diese Zeit schon auf den Beinen war, außer gestern, als er zwei andere Novizen am Tor gesehen hatte. Einen von ihnen hatte er als den Verbannten erkannt, auch wenn er noch immer nicht sicher wusste, was das bedeutete.
Und heute sah der junge Adlige gleich mehrere Schatten, die, da sie gegen die Sonne standen, kaum zu erkennen waren.
Neugierig geworden sah Alef genauer hin, doch für den Moment waren es nur große schwarze Schemen, die sich dort bewegten.
Erst als die Gestalten die äußeren Höfe Eibenbachs schon erreicht hatten, konnte er ausmachen, um was es sich handelte.
Im selben Moment wandelte sich seine Neugier schlagartig in Furcht. Er hatte diese Tiere noch nie selbst gesehen, doch in Akitaos gab es einen Wandteppich, der einen Mann im Kampf mit solch einem zotteligen Ungetüm zeigte. Schon diese Abbildung und die damit verbundenen Geschichten hatten ihn in Angst und Schrecken versetzt. Doch der Anblick eines lebendigen Bären war noch weitaus grausiger, noch dazu war es fast ein Dutzend dieser Bestien.
Ein neues Gefühl stieg in Alef auf, eines von dem er in seinem bisherigen Leben verschont gewesen war: die Furcht um das eigene Leben.
Dennoch legte der Junge eine Tapferkeit an den Tag, die manchem Erwachsenen gefehlt hätte. Denn er dachte nicht daran, sich zu verstecken, um sein Leben zu schützen, seine Sorge galt vielmehr den Anderen, den Dorfbewohnern, die nun allesamt in Lebensgefahr schwebten.
Er musste sie wecken.
Alef erinnerte sich daran, dass es in der heimatlichen Burg für einen solchen Fall eine Glocke in einem hohen Turm gab. Sein Vater hatte ihm erzählt, dass, sollte der Grafschaft jemals ein Angriff oder Ähnliches drohen, diese Glocke geläutet würde. Alle Bauern der umliegenden Ländereien würden den Klang hören und sich in die Burg und damit in Sicherheit flüchten.
Auch hier gab es ein solches Instrument, Alef hatte es entdeckt, als er zum ersten Mal die Kapelle besucht hatte. Sie befand sich hoch oben im Turm direkt in der Mitte des dreizackigen Sterns.
Der Junge kletterte hastig von der Mauer herunter, wobei er ein gutes Stück in Sprung nahm, was ihm schließlich einen übel umgeknickten Fuß einbrachte.
Humpelnd bewegte er sich so schnell er konnte zu dem seltsam geformten Gebäude in der Mitte des großen Platzes.
Es schien Alef, als würde es Jahre brauchen, bis er schließlich an der großen verzierten Pforte zu der Kapelle, die den Gläubigen zu jeder Zeit geöffnet war, ankam.
Er ließ den Gebets- und Meditationsraum unbeachtet und wandte sich direkt nach links. Hinter einem weiteren großen Tor befand sich die hohe dreieckige Halle, die alle Gebäude des Sterns miteinander verband.
Atemlos blieb der Junge stehen und blickte nach oben. Er musste sich zurückhalten, nicht lauthals zu fluchen. Das Seil, mit dem die Glocke zu läuten war, war nur von einem Podest hoch über ihm zu erreichen, zu welchem wiederum nur eine brüchige, offenbar seit Jahren nicht mehr benutzte Holzleiter führte.
Schicksalsergeben machte sich Alef an den Aufstieg. Die Leiter war an die Wand genagelt, dennoch schien sie gefährlich zu schwanken.
Er war kein furchtsames Kind, unter Höhenangst litt er erst recht nicht. Dennoch schlug ihm das Herz bis zum Halse, als er sich vorsichtig Sprosse für Sprosse hinaufzog. Das Holz ächzte trotz seines Leichtgewichts, einen größeren Menschen hätte die Leiter sicher nicht gehalten.
Dann, als er die halbe Strecke der gut zwanzig Schritt hinter sich gebracht hatte, gab das uralte Holz schließlich nach und die Sprosse, auf die Alef gerade seinen Fuß gesetzt hatte, brach plötzlich unter ihm weg.
Der Junge keuchte vor Schreck auf, Panik drohte ihn zu übermannen, als er sah, wie weit er über dem Boden hing.
Der Sturz würde ihn umbringen, das wusste Alef.
Doch obwohl er nur noch hinunter wollte, hangelte der Junge sich mit aus Angst geborenen Kräften weiter nach oben, bis er die Füße wieder aufsetzen konnte.
Einen Augenblick blieb der Novize wo er war und versuchte, seinen Atem und Herzschlag zu beruhigen, sah aber bald die Sinnlosigkeit seines Unterfangens ein.
Die Panik war ihm nun ein ständiger Begleiter auf dem Weg nach oben, doch keine weiteren Sprossen gaben nach und schließlich zog sich Alef auf die hölzerne Plattform, wo er nur kurz keuchend liegen blieb.
Der Schweiß floss dem Jungen in Strömen von der Stirn und brannte in seinen Augen, dennoch sah er deutlich das dicke Tau das nur wenige Handbreit über ihm hing.
Alef betete zu den Heiligen, das Seil möge halten und warf sich mit seinem ganzen Gewicht daran.

Ludger kämpfte sich unter der schweren Tür hervor, bevor das Ungetüm darauf steigen konnte.
Er konnte nicht sehen, was dort durch die Tür gesprengt war, aber er wusste, er würde von diesem Biest einfach niedergewalzt werden. Seine linke Hand war ein einziger Herd des Schmerzes. Jede Bewegung brannte ihm wie gleißendes Feuer.
Aus den Augenwinkeln sah der Novize, wie Maria sich regte, verwirrt umsah und dann einen spitzen Schrei ausstieß. Nur einen Herzschlag später erkannte Ludger den Grund dafür.
Ein Koloss von einem Schwarzbären versuchte, sich durch den Eingang zu quetschen. Das Tier war viel zu groß für den Durchgang, doch es rammte immer wieder gegen den Rahmen, das Holz gab bereits beunruhigende Geräusche von sich.
Ludger wich zurück. Die Augen des Bären waren blutunterlaufen, die Pupillen geweitet, Schaum und Speichel troffen aus Schnauze und Maul.
Das Tier war völlig von Sinnen.
“Klettre auf den Heuschober!” rief er Maria zu und griff nach einer Forke, die in einem der Heuballen steckte. “Ich versuche, es aufzuhalten.”
Die junge Frau reagierte schnell und besonnen, sie stellte keine Fragen, sondern stürmte umgehend die Leiter hinauf.
Doch im selben Moment brach der Bär durch den Eingang. Ein unbändiger Lärm entstand, als der Türrahmen auseinanderbrach.
Ludger versuchte verzweifelt, mit der Mistgabel nach dem Tier zu schlagen, doch seine gebrochene Linke behinderte ihn und er wagte es nicht, zu nah heranzugehen.
Die wirren Augen des Ungetüms waren nun allein auf ihn gerichtet. Eine seltsame Nüchternheit nahm von dem Novizen Besitz. Er wusste, er hatte Maria in Sicherheit gebracht, doch für ihn ging es in diesem Kampf um Leben und Tod. Seltsamerweise trug diese Tatsache dazu bei, dass sein Herzschlag sich beruhigte, seine Angst wich.
So gelang es dem jungen Mann, jeden Gedanken an Flucht zu unterdrücken, als der Bär sich auf die Hinterbeine stellte und zu seiner furchterregenden Größe von fast zwei Männern aufrichtete. Stattdessen nutzte er die Gelegenheit, als das Biest ihm sein ohrenbetäubendes Brüllen entgegen warf und die fingerlangen Zähne zeigte, ohne zu zögern und machte einen gewagten Ausfall vorwärts.
Mit der Forke in der Rechten über die Schulter gehoben stützte Ludger die provisorische Waffe schräg auf dem Boden wie ein Fußsoldat, der versucht, einen anstürmenden Kavalleristen aufzuhalten.
Doch die Kraft eines Armes und der dünne Schaft konnte der gewaltigen Masse des Tieres nicht standhalten, als dieses sich wieder auf alle Viere fallen ließ.
Wie ein Streichholz brach die Mistgabel in der Mitte durch. Die Haut des Bären war kaum angeritzt. Entsetzt keuchte der Novize auf und rollte sich zur Seite unter dem Bauch des Bären weg. Die Reste der Waffe ließ er zurück.
Beiläufig hörte Ludger Maria von oben etwas schreien, doch er konnte sie nicht verstehen. In seinen Ohren rauschte das Blut so laut, als wolle es noch einmal mit ungebändigter Intensität fließen. So lange es noch konnte.
Stolpernd kam der Schweratmende wieder auf die Beine. Er setzte dazu an, hinter den Bären zu gelangen, um nach einem anderen Werkzeug zu suchen, das er als Waffe nutzen konnte, doch er hatte nicht mit der Schnelligkeit des Tieres gerechnet.
Bevor er auch nur einen Schritt machen konnte, hatte sich das Ungetüm bereits ein Stück umgedreht und mit der gewaltigen Pranke nach ihm geschlagen.
Ludger sah den Schlag nicht kommen und so wurde völlig unvorbereitet getroffen. Ein heißer Schmerz explodierte in seinem Rücken, dort, wo die Krallen in sein Fleisch drangen. Die Wucht des Hiebes warf den Novizen durch die Luft und ließen ihn schwer gegen die Überreste des Türrahmens prallen, wo er benommen zu Boden sank.
Sein Blick verschleierte sich, doch der Verletzte hielt an seinem Bewusstsein fest. Dennoch lasteten Schmerz und Schwäche mit solch einem Gewicht auf ihm, dass er sich nicht mehr rühren konnte.
Hilflos beobachtete Ludger, wie der Bär sich langsam, fast bedächtig zu ihm drehte.
Resigniert erflehte er von den Heiligen einen schnellen, schmerzlosen Tod.
Später wünschte er sich oft, sein Gebet wäre erhört worden.
Doch es sollte anders kommen.
Denn bevor das gigantische Tier ihn hatte erreichen können, stürzte sich Maria mit einem Kampfschrei, der einem Barbaren imponiert hätte, eine Forke in beiden Händen mit einem Fuß auf der Gabel, vom Heuboden direkt auf den Rücken des Bären. Die Wucht des Sprunges, ihres Gewichts und ihrer Wut trieben die Spitzen tief in den Nacken des Tieres, welches erneut sein furchterregendes Brüllen ausstieß, doch diesmal klang es eindeutig gequält.
Von Wut und Schmerz gepeitscht stieg der Riese wieder auf die Hinterbeine, so dass Maria sich nicht mehr halten konnte und aus über zwei Schritt Höhe rücklings zu Boden geworfen wurde.
Ludgers Herz wurde von einer eisigen Kralle gepackt, als er hörte, mit welchem Geräusch der Schädel des Mädchens auf den Steinboden aufschlug.
Doch der Bär starb zuerst.
Nur Sekunden währte der Todeskampf des Tieres, bevor es zur Seite wegkippte wie ein sinkendes Schiff. Es schien fast, als würde bei seinem Aufprall die Erde beben.
Maria, schon nicht mehr bei Bewusstsein, wurde unter ihm begraben.
Ihr Geliebter indes kroch über den steinigen Boden zu ihr, fast blind von Schweiß und Tränen.
Er konnte nur noch ihren Kopf sehen, der Rest ihres Körpers lag zerschmettert unter dem Koloss.
Eine hässliche Blutlache breitete sich aus, färbte ihre goldenen Haare rot.
Ihr Blick war bereits gebrochen.
In diesem Moment fing die Glocke des Lauraneklosters Eibenbach an, zu läuten.
 
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