Sazabis Großer Tribut
Fürst Sazabi saß auf seinem Thron in der Ratshalle und dachte nach. Nein, er dachte nicht nach. Er versuchte es.
Sein Kopf raste.
Hatte er etwas vergessen? Übersehen? Er war zu weit gekommen, um jetzt zu scheitern. Er hatte einen hohen Preis bezahlt dafür, dass er jetzt immernoch auf diesem Thron saß. Er war sogar bereit einen noch höheren Preis zu zahlen, um auch in Zukunft auf diesem Thron zu sitzen und es war unabwendbar, dass dieser Preis mit Blut bezahlt werden musste.
Vor den Toren seiner Stadt Saldus hatte sich ein gewaltiges Herr versammelt. Dämonen, die durch die Reiche zogen und ein Fürstentum nach dem anderen überfielen, plünderten und nichts zurückließen als blutgetränkte Erde. Doch mit SanZebastani und Fürst Sazabi hatten sie sich einfach das falsche Fürstentum ausgesucht. Ein paar Gehöfte im Osten brannten schon, doch das war ihm egal. Er hatte alle verfügbaren Ressourcen um seine Stadt zusammengezogen, um das Dämonenheer dort zu stellen und entgültig zu vernichten. Über zweitausend ausgerüstete und bewaffente Krieger hatte er vor und innerhalb seiner Stadtmauern positioniert, noch einmal achthundert waren vom Nachbarfürstentum Weyden zur Unterstützung unterwegs. Gegen die knapp zwanzigtausend Dämonen rechnete er sich gute Siegchancen aus, denn diese waren schlecht organisiert und von ihrem Angriff vor ein paar Tagen auf die Blutsteinburg – die diesen Namen zurecht trugt – geschwächt und dezimiert.
Die tiefstehende Abendsonne färbte den Himmel unheilvoll rot, als würde sie ahnen, was die Nacht bringen werde. Das Dämenheer, egal ob von einer unirdischen Macht gelenkt, oder von blindem Hass auf alles und jeden getrieben, wartete auf ein unsichtbares Zeichen.
Sein Berater, einige Offiziere und Boten, die in Kürze Befehle an die Front bringen konnten, sahen ungeduldig zu ihrem Fürst. Wenn an dem erdachten Plan noch irgendetwas geändert werden sollte, war jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Doch es musste nichts mehr geändert werden. Sazabis Plan war perfekt. Die Truppen standen ganz genau so, wie sie es sollten. Im Besonderen stand Siggard genau dort, wo ihn der Fürst haben wollte: als Anführer einer eintausendfünfhundertmannstarken Truppe vor dem Haupttor, vor dem sich in einiger Entfernung die Dämonen gesammelt hatten.
Es tat Sazabi Leid einen so fähigen Soldaten in den sicheren Tod zu schicken, doch es ging nicht anders.
Siggard war Teil seines Plans geworden.
Er schloss noch einmal die Augen und ließ die letzten Wochen Revue passieren.
Siggard war Soldat in der Stadtwache und als solcher durch seinen Mut und seine Entschlossenheit zu einer Art Volksheld geworden. Er hatte allein eine größere Gruppe von Dämonen gehindert in die Stadt einzudringen.
Es schlichen schon seit geraumer Zeit kleine Gruppen von Dämonen durch das Land. Sie griffen immer nachts an. Im Schutz der Dunkelheit plünderten sie Häuser und verschleppten Menschen. Niemand wusste wieso. Manche munkelten die Kreaturen hätten einfach nur Gefallen am Chaos. Einige behaupteten auch, sie würden die verschleppten Menschen fressen.
Jene, die den Bestien entkommen waren und noch davon berichten konnten, gaben ihnen beschreibende Namen. So gab es etwa die Fleischbestien, die Schlächter, die Entstellten und die Höllenbruten.
Fleischbestien waren wurmähnliche Kreaturen, etwa zwei Ellen lang, die sich auf zwei Armen kriechend fortbewegten. Sie sprangen ihre Opfer an und rissen mit ihrem Maul Stücke aus ungeschützter Haut. Das tötete einen Menschen nicht sofort, aber die Bisse entzündeten sich oft und der Blutverlust tat sein Übriges.
Etwas gefährlicher waren dagegen schon die Schlächter. Es waren kleine humanoide Teufelchen mit einem schwarzen Zopf und blauer, oder roter, manchmal auch mit hellbrauner Haut. Sie trugen alles an Waffen, was sie finden und tragen konnten. Das reichte von Kieselstein und morschem Zweig bis hin zu Kriegsaxt und Kampfschild. In großer Zahl nahmen sie es auch mit einem gepanzerten Ritter auf. Doch sie ergingen sofort in heilloser Flucht, wenn sie einen Gefährten fallen sahen.
Die Entstellten, oder auch Besudelten, die nur so hießen, weil es keiner wagte sie als Missgeburten zu betiteln, trugen keine Waffen. Lange Klauen und eine Schnauze voller spiter Zähne machten sie aber trotzdem gefährlich. Sie waren gerissen und liebten es, ihre Opfer zu jagen und mit ihrer langen Zunge das Fleisch von ihren Knochen zu lutschen.
Einer Höllenbrut jedoch traten nur die erfahrensten Krieger entgegen. Diese aufrecht gehenden Keiler trugen große schwere Waffen und als wäre das noch nicht genug, war ihr ganzer Körper mit Stacheln und Hornschuppen bedeckt, gekrönt von zwei Stoßzähnen, die ihnen aus der Schnauze ragten.
An jenem Abend patrulierten Siggard und sein Partner Pratham entlang der Stadtmauer von Saldus. Ein paar Teufelchen und Entstellte hatten die Torwächter am Nordwesttor überwältigt und versuchten die nächstgelegenen Haustüren aufzubrechen.
Pratham und Siggard stürzten sich in den Kampf. Ihre Kurzschwerter fraßen sich durch die überraschten Schlächter. Doch noch bevor sie die letzten Bestien, Besudelte in diesem Fall, niedergrungen hatten, drang eine neue Horde dieser Dämonen durch das noch immer offenstehende Stadttor.
Siggard wies Pratham an Hilfe zu holen, während er zusammen mit zwei mutigen Städtern das Tor verteidigte. Sie hielten mit den Hellebarden der getöteten Wachen die Dämonen auf Abstand und er verpasste ihnen mit schnellen Schwerthieben tiefe Schnittwunden.
Als Pratham mit Verstärkung eintraf, gab es bereits nicht mehr viel zu tun. Sie schlossen das Tor und räumten die vielen Dämonenleichen beiseite. Siggard hatte an diesem Abend fast zwei Dutzend kleiner und mittelgroßer Dämonen getötet. Dieser kleine Triumph für Saldus sprach sich schnell herum. Bald erfuhr auch Fürst Sazabi davon und ließ Siggard zu sich in die Ratshalle rufen.
Beylen, der Berater, unterrichtete gerade den Fürst und zwei Offiziere über die Lage in den Reichen:
__„Ossezien und Tobrien liegen bereits in Schutt und Asche, die ersten Ortschaften in Lantan wurden auch schon geplündert. Die Dämonen bewegen sich unaufhaltsam auf die Blutsteinburg zu. Sie wird ganz sicher fallen. Ihr müsst all eure Truppen in Saldus versammeln sonst droht SanZebastani das gleiche Schicksal.“
Als Siggard eintrat und sich in die Mitte der Ratshalle stellte, verstummte der Berater. Der Stadtwächter salutierte vor den Offizieren und verbeugte sich vor dem Fürst. Dieser stand auf, trat an Siggard heran und betrachtete ihn von allen Seiten. Natürlich trug er die Uniform und Ausrüstung einer Stadtwache: einen Helm mit Nackenschutz, einen Gladius und einen Drachenschild. Der Schild war blau-schwarz-karriert mit einer goldenen Burg in der Mitte. Es war das Wappen von SanZebastani. Blau und Schwarz fanden sich auch in seiner Uniform wieder. Hose und Jacket waren aus königsblauem Stoff und hatten schwarze Akzente, wie etwa Kragen, Ärmel- und Hosenaufschläge. Außerdem trug er Kettenstiefel und ein Kettenhemd, das Brust, Rücken, Hüfte und Lende schütze.
__„Name und Dienstgrad?“ fragte ihn der Fürst.
__„Siggard, Oberfeldwebel.“
__„Ja stimmt, den Dienst als Soldat in der Stadtwache beginnt man bereits als Unteroffizier.
Haben Sie sich schon zur Beförderung zum Leutnant beworden?“
__„Nein noch nicht, Sir. Ich bin bis jetzt mit meinem Posten zu frieden. Nach dem Leutnant kommt ohnehin nur noch der Oberleutnant und dann bereits der Hauptmann. Und er ist der Chef der Stadtwache.“
__„Da haben Sie Recht. Höhere und niedere Ränge gibt es nur im Berufsheer. Manchmal komme ich mit den vielen Rängen auch durcheinander.“
__„Lassen Sie das mal nicht die Offiziere hören!“ scherzte der General.
Fürst Sazabi konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, fasste sich dann aber bald wieder, um Siggard zu danken.
__„Sie haben einen hervorragenden Job geleistet. Sie sind nicht nur Ihrer Pflicht nachgekommen die Büger zu schützen, Sie haben auch den Bestien gezeigt, dass mit Saldus nicht zu spaßen ist und damit das Ansehen meiner Stadt angehoben. Ihnen einfach meinen Dank auszusprechen, Ihren Namen über die Marktplätze schreien zu lassen, oder Ihnen einen Orden anzuhängen, würde der Sache nicht gerecht werden. Ich möchte, dass Sie auch etwas davon haben, ja ich möchte Ihnen ein Geschenk machen, Siggard. Eine neue Waffe, oder eine neue Rüstung, das wär doch was, oder?“
__„Ich würde mich geehrt fühlen.“
__„Gut gut. Es muss allerdings noch angefertigt werden. Ich werde sie rufen lassen.“
__„Ich danke Euch, mein Fürst.“
__„Herr General“, wandte sich Sazabi an seinen Offizier, „macht Meldung: jeder Erwachsene, der bereits im Berufheer gedient hat, oder dient und jeder der sich dazu verpflichtet fühlt in den Dienst einzutreten, soll mit ihm zur Verfügung stehender Bewaffnung nach Saldus kommen. Jeder Mensch mit einem Gehöft östlich von Saldus soll ebenfalls den Schutz der Stadtmauern aufsuchen und nur das Nötigste mitnehmen.“
Er salutierte und verbeugte sich noch einmal, dann verließ Siggard hinter dem General die Ratshalle.
Am Tag darauf wurde Siggard erneut zum Fürsten gerufen. Auf dem Weg zum Rathaus entgingen ihm die Menschenmassen, die sich in die Stadt drängten, nicht.
In der Ratshalle selbst war es auch um einiges hektischer als am Tag zuvor. Beamte koordinierten das Eintreffen der Bevölkerung, Boten überbrachten Nachrichten und detailierte Angaben über die Eintreffenden. Der Fürst stand mitten im Raum. Er war viel zu angespannt um sich zu setzten. Nehmen ihm erkannte Siggard den Berater Beylen, den General von gestern und seinen Hauptmann.
__„Zu Diensten, mein Fürst.“ meldete sich der Stadtwächter.
__„Ah, Siggard!“ empfing ihn Sazabi. „Leutnant Siggard, wie es jetzt heißt. Ich habe das geregelt.“
Der Hauptmann lächelte ihm freundlich zu.
__„Ich sagte, ich hätte ein Geschenk für Sie und ich bin jemand, der Wort hält. Da kommt es schon.“
Ein Dienstbote brachte ein rotes Kissen, auf dem ein Vollhelm in matter, dunkelblauer Lackierung lag.
__„’Er hätte etwas prunkvoller sein können, dieser einfache Helm soll das Geschenk sein?’ werden Sie sich jetzt sicher fragen, aber ich denke nunmal ein Bisschen zweckorientierter. Dieser Helm ist magisch verstärkt und bietet verbesserten Schutz gegen erdenkliche Angriffe.“
__„Fürst Sazabi, Fürst Sazabi.“
Ein weiterer Bote kam eilig angerannt.
__„Die Dämonen haben die Blutsteinburg belagert und bereiten einen Angriff vor.“ gab er völlig außer Atem bekannt.
__„Können Sie in etwa einschätzen, wie viele Dämonen es sind?“
__„Nein, mein Fürst, aber es sind einige Tausend. Genauer kann ich es nicht sagen. Ich konnte die Anzahl in dem hügeligen Gelände nicht überblicken.“
__„Ich danke Ihnen. Sie könne wegtreten.“
__„Das ist großer Mist...“ murmelte der Fürst vor sich hin.
__„Wenn ich nur genau wüsste, wie große diese Horde ist...“
Auf einmal sahen alle in der Halle zu Siggard. Keiner sagte mehr etwas. Er hatte sich nur den Helm aufgesetzt, um ihn anzuprobieren. Jetzt fühlte er sich äußerst unwohl. Als er sich den Kesselhelm aufsetzte, war es, als hätte er sich verändert. Niemand konnte sagen, was es war, doch etwas war anders an ihm.
Genauso schnell wie es gekommen war, war es auch wieder vorbei. Die Beamten verfielen wieder in ihr Arbeitseifer, das Stimmengewirr wurde lauter und das Rascheln von Pergamenten war wieder zu hören.
Der Hauptmann hatte als Erster den Geistesblitz:
__„Warum schicken wir nicht einfach Siggard und lassen ihn nachsehen? Er hat schon ein paar Mal einen recht guten Blick bewiesen.“
__„Ist das war?“ fragte ihn der Fürst.
__„Nun ja, ich habe schon das ein, oder andere Mal recht gut ins Blaue getroffen.“ gestand sich Siggard ein.
__„Leutnant Siggard, ich beauftrage Sie, sich einen Überblick über die Anzahl dieser Bestien zu verschaffen. Seien Sie dabei jedoch vorsichtig. Ihr Leben ist mir wichtiger, als deatillierte Angaben der dämonischen Truppenstärke.“
__„Zu Befehl!“
Das war der erste Teil von Sazabis großem Tribut.
Der Fürst hatte Siggard entsannt, um die Größe der Dämonenhorde einzuschätzen. Seit dem Erhalt der Nachricht von der Blutsteinburg war inzwischen ein Tag vergannen und der Stadtwächter kam bald in Sichtweite.
Die matte Schlichtheit des Helms erwies sich als vorteilhaft, denn er reflektierte kein Sonnenlicht. So konnte ihn niemand durch ein metallisches Glitzern bemerken. In manchen Momenten fürchtete Siggard schon sich erst bis zum eigentlichen Schlachtgetümmel durchkämpfen zu müssen. Viele vereinzelte Dämonentrupps hatte er auf seinem Weg umgehen müssen. Er wollte nicht riskieren durch einen Kampf die Aufmerksamkeit von noch mehr von ihnen auf sich zu lenken. Manchmal hatte er großes Glück, als nur wenige Schritt von ihm entfernt Schlächter vorbei liefen. Er hatte sich dann immer in das kniehohe Gras gelegt, das den Teufelchen schon bis zum Oberschenkel reichte.
Als allmählig die Dunkelheit einsetzte, kam er leichter voran. Die Dämonen, alle fast ausschließlich Schlächter, hatten Fackeln entzündet und waren gut zu erkennen. Vereinzelte Fleischbestien konnte er schnell und geräuscharm überwältigen.
Hinter einer Anhöhe hockte er sich ins Gras. Von hier sah er die Blutsteinburg und die zahlreichen Bestien um sie herum. Schwertgeklirr und Angriffsgeschrei drangen gedämpft, aber trotzdem hörbar auch bis zu ihm. Er überschlug die Entfernung bis zum Bergfried und mit Hilfe eines Maßstabes ermittelte er den Platz, den die Dämonen einnahmen. Daraus schätze er ihre Anzahl auf mindestens fünfundzwanzigtausend. Er hoffte nicht noch eine große Gruppe übersehen zu haben.
Viel zu spät bemerkte er dann Schritte, die sich auf ihn zu bewegten. Ein halbes Dutzend mochte es gewesen sein und er hatte es nicht kommen sehen, weil sie keine Fackeln dabei hatten. Ihm blieb nichts anderes übrig als sich flach ins Gras zu legen, denn sie kamen genau auf ihn zu. Er rollte sich auf den Rücken, um die Angreifer sehen zu können. Sein Schwert hielt er entscheidet flach über seine Brust.
Als sie direkt vor ihm waren, richteten sie ihre Schwerter auf ihn.
__„Wer seid Ihr und was macht Ihr hier? Sprecht schnell!“ wurde er gefragt. Die anderen waren ebenso groß wie er und gerüstet.
__„Ich bin Leutnant Siggard und hier auf Befehl von Fürst Sazabi, um ...“
__„Spart euch die Worte und lauft.“ befahl eine Frauenstimme und alle rannten an ihm vorbei. Siggard stand einen Augenblick bewegungslos da. Als ihm die Frauenstimme hinterher rief „Ich sagte ’LAUFT’!“ vernahm er das Schnaufen einiger Bestien, die er an ihren Geräuschen als Entstellte erkannte.
Er verfiel in einen Laufschritt und schloss mit den anderen auf.
__„Da vorn, bei den Bäumen links ist eine Höhle.“
__„Aber dann sitzen wir den Bestien in der Falle.“
__„Ich hatte nicht vor...die ganze Nacht vor ihnen davon...zu rennen.“ erklärte Siggard immernoch laufend seinen Einfall.
__„Eine Armee aus zehn Mann, bei der...zehn Mann neben einander gehen, ist stärker als eine Armee...aus zwölf Mann, bei der sechs neben einander gehen.“
Die anderen verstanden seinen Plan und tatsächlich folgten die Entstellten dem Trupp in den engen Höhleneingang, wo sie einer nach dem anderen den Schwertern zum Opfer fielen.
Die Truppe räumte die Leichen aus dem Weg. Ein Feuer wurde entzündet. Zwar war dies nicht ungefährlich, doch die Dämonen würden sie auf diese Entfernung für welche von ihnen halten. Im Licht erkannte Siggard nun auch endlich, mit wem er in dieser Nacht zusammen gestoßen war. Das Gelb und Grün ihrer Uniformen waren die Farben von Lantan und die Frauenstimme gehörte zu Fürstin Lantania selbst. Sie wurde begleitet von einer weiteren Frau und vier Männern. Alle trugen die gleiche Ausrüstung: Langschwert, Rundschild, Flügelhelm und Brustpanzer. Letzterer war bei den Frauen etwas figurbetonender gearbeitet. An einigen Stellen färbte jedoch Blut den gelben Stoff dunkelrot.
__„Nun hast Du Gelegenheit, die Frage von vorhin zu beantworten.“ sagte die Fürstin, nachdem sie sich und ihre Begleiter vorgestellt hatte.
__„Ich bin Leutnant Siggard. Fürst Sazabi hat mich beauftragt herauszufinden, wie groß das Dämonenheer ist. Ich schätze es auf etwa fünfundzwanzigtausend.“
__„Das dürfte hinkommen. Ich hoffe meine Soldaten nehmen noch ein paar Tausend von denen mit in den Tod. Lantan droht wohl das gleiche Schicksal wie Tobrien und Ossezien.“
Sie seufzte.
__„Ich wollte eigentlich dort bleiben und an der Seite meines Volkes sterben, aber man hielt es für besser, dass ich fliehe.“
Lantania hatte ihn die gesamte Zeit über mit ihrer sanften Schönheit angelächelt. Nur manchmal verzog sie schmerzverzerrt das Gesicht.
In dieser Nacht traute sich keiner von ihnen zu schlafen. Sie ruhten sich nur aus von dem Sprint über die Hügel.
Lantania und Siggard saßen etwas abseits von den anderen und unterhielten sich. Genau genommen stellte die Fürstin ihm Fragen zu allen Dingen, die ihr gerade einfielen. Sie fragte ihn zu seinem Posten in der Stadtwache und ob er Frau und Kinder hätte. Siggard stellte verblüfft fest, dass er sich so auf seinen Job konzentriert hatte, dass ihm der Gedanke, eine Familie zu gründen, noch gar nicht gekommen war.
Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen die nebelige Morgenluft erhellten, brachen sie wieder auf.
Als sie einen Forst in Sichtweite von Saldus passieren wollten, rutscht den Sieben das Herz in die Hose. Auf einmal standen sie in einer Gruppe Höllenbruten. Der erste von Lantanias Wächtern wurde mit einem Schildhieb von den Beinen gerissen, doch der Keiler hatte kurz darauf ein anderes Langschwert in der Brust stecken. Siggard kämpfte was das Zeug hielt. Die schweren Schläge zu parieren kostete ihn viel Kraft, aber seine Schnelligkeit half ihm, ein paar Bestien empfindlich an der Ferse zu verletzten, oder unter ihren Hieben hindurch zu tauchen und ihnen das Kurzschwert in die Kehle zu rammen.
Lantania schrie auf. Ein Axthieb hatte sie auf die Brust getroffen. Siggard hackte ihrem Angreifer von schräg oben den Kopf ab.
__„Siggard, nimm die Fürstin und lauf! Wir halten sie auf.“ schrie die Leibwächterin.
Der Leutnant warf Schwert und Schild aus der Hand und schulterte Lantania.
In kurzer Zeit erreichte er das Stadttor, wo die beiden dann sofort zum Fürst eskortiert wurden.
Völlig erschöpft erreichten sie die Ratshalle.
__„Bereitet ein Zimmer vor und versorgt die Verwundeten.“ ordnete der Fürst an, dann fragte er Siggard: „Wie viele?“
__„Fünfundzwanzigtausend.“
Sazabi stand der Mund offen, dann wandte er sich an seinen Offizier:
__„Entsenden Sie Boten, die Fürst Whenaion bitten uns Truppen zu schicken. Wir werden ihre Unterstützung brauchen, wenn die Dämonen weiter nach Westen vorrücken.“
__„Ich kümmere mich persönlich darum, mein Fürst.“
Siggard und die Fürstin wurden in einem Zimmer des Rathauses untergebracht. Ein Heiler versorgte sie.
__„Siggard?“ flüsterte Lantania. Das Sprechen strengte sie an.
__„Du hast mir das Leben gerettet. Dafür danke ich Dir.“
__„Ich tue nur meine Pflicht.“
__„Kannst Du mir noch einen Gefallen tun? Kannst Du Dir vorstellen Fürst von Lantan zu sein?“
Siggard war von dieser Frage überrascht. Das hatte er nicht erwartet.
__„Ich gebe zu, es wäre eine Zweckehe, aber das dürfte trotzdem nicht gerade unangenehm sein.“
Einige Zeit später erkundigte sich Sazabi nach ihrem Zustand.
__„Bei ihr sind zwei Rippen gebrochen und sie hat eine Wunde in der Seite. Wenn die sich nicht entzündet, wird sie durch kommen. Er ist nur erschöpft. Ein paar Blessuren, nichts Ernstes.
__„Fürst Sazabi?“ Lantania erklärte ihm, dass sie vorhatte, Siggard zu heiraten und bat ihn so schnell wie möglich die Zeremonie dafür durchführen zu lassen. Sein Berater flüsterte ihm etwas ins Ohr.
__„Ich kann...Ihnen diesen Wunsch unmöglich verwehren. Ich werde das allernötigste vorbereiten lassen.“ Dann folgte er Beylen in ein anderes Zimmer.
Er flüsterte.
__„Darf ich Euch an unseren Plan erinnern?“
Sazabi kannte die Details. Er und Beylen hatten diesen Plan entworfen. Doch noch bevor er etwas antworten konnte, sprudelte es aus seinem Berater heraus:
__„SanZebastani ist das größte Fürstentum der bekannten Reiche. Es hat die meiste Bevölkerung und die will ernährt werden. Seit Jahren müssen wird Getreide und Fleisch aus Tobrien kaufen. In Ossezien hat man einen Bodenschatz entdeckt, sie nennen es Öl. Ich weiß nicht, was man damit anfangen kann, aber die Alchemisten halten es für wertvoll. Wenn Ossezien erst einmal das Monopol hat, dann diktieren sie uns auch noch die Preise.
Klar, wir haben auch unsere Bodenschätze: Eisen, Zinn und Kobalt. Aber wir haben einfach zu viel davon. Die Preise für Eisenerz sind im Keller. Für das, was ein Arbeiter aus dem Berg holt, bekommt man kaum das Weizen, um ihn zu ernähren.
Zwar sind unsere Stahlerzeugnisse von guter Qualität, aber die hohen Zölle der anderen Fürstentümer, allen voran Weyden machen einen Export zu unlukrativ.
SanZebastani hat so viel. Zu viel von fast allem und trotzdem sind wir arm. Unsere Schulden bei den Anderen fressen uns auf. Wenn Ihr die Steuern erhöhen wolltet, macht das Volk nicht mit. Das hat Euer Vater schon schmerzhaft am eigenen Leib erfahren.
Ich weiß nicht woher diese Dämonen kommen, doch sie kommen uns gerade recht.
Tobrien und Ossezien sind nahezu komplett entvölkert, Fürstin Lantania liegt im Sterben. Sobald wir die Dämonen besiegt haben, können wir Ihre Fürstentümer annektieren.
Wenn uns Fürst Whenaion auch noch in die Hände spielt, wird seine Armee in der kommenden Schlacht herbe Verluste einstecken. Dann können wir gestärkt aus der Dämoneninvasion hervor gehen und am Ende sind wir es, die Weyden mit Zöllen belegen und schließlich in die Knie zwingen.
Wenn wir also von dem Vielen, was da ist, den Vielen, die es brauchen, geben wollen, dann ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt dafür.
Es schmerzt mich ja auch, so viele Menschen zu opfern, aber es ist besser im Kampf um etwas auf dem Schlachtfeld zu sterben, als zu verhungern für nichts und wieder nichts.
Wenn Lantania und Siggard heiraten dann ist er Fürst von Lantan und unser ganzes Vorhaben einigermaßen sinnlos gewesen. Selbst wenn Lantania ihren Verletzungen erliegt, dann ist er immernoch ein Hindernis. Siggard ist bekannt, nicht zuletzt durch Euch, auch wenn das keiner ahnen konnte. Auch er muss sterben, sonst ist unser Vorhaben gescheitert.“
__„Aber wie?“
__„Lasst Euch etwas einfallen. Die sicherste Methode ist doch ihn im Kampf durch Dämonenhände sterben zu lassen. Und nur um sicherzugehen. Gebe ich Euch das hier.“
Beylen zog ein Glasröhrchen aus seiner Tasche.
__„Ein Nakotisiakum, ich habe es immer dabei. In großen Mengen verabreicht stellen sich die Lebensfunktionen mit der Zeit ein und es sieht aus, als ob die Person sanft entschlafen ist.“
Am nächsten Morgen hatte Sazabi in einer der kleineren Kappelen seiner Stadt eine Hochzeitszeremonie veranstaltet. Nur er selbst, ein Priester, sein Genral, sein Berater, Lantania und Siggard waren anwesend. Nach der Trauung hob er sein Glas.
__„Lasst uns anstoßen. Halt Beylen, das ist Lantanias Glas...mit Kamilleextrakt...für innere Anwendungen.
Na dann: auf die Zukunft.“
__„Ich fühle mich noch immer nicht ganz genesen.“ sagte Lantania. „Ich ziehe mich in mein Zimmer zurück. Viel Erfolg in der Schlacht, zahlt es diesen Bestien heim!“ Sie gab Siggard einen langen Kuss.
__„Siggard, ich habe noch ein weiteres Geschenk für Sie.“ Der Genral brachte eine Eisenrüstung. Sie hatte eine Zinn- und Kobaltligierung, die sie besonders hart machte und ihr einen blauen Schimmer verlieh.
__„Die blaue Farbe ist symbolisch. Damit werden die Soldaten sie erkennen und sich von ihrem Mut und ihrer Tapferkeit mitreißen lassen.
Herr General, Leutnant, führen Sie SanZebastani zum Sieg.“
Das war der zweite Teil von Sazabis großem Tribut.
Fürst Sazabi öffnete die Augen wieder. Er hatte die richtigen Entschlüsse gefasst. Als er die Anspannung nicht mehr aushielt, verließ er die Ratshalle und gesellte sich zu seinen Bogenschützen auf dem Stadtmauern. Dreihundert von ihnen warteten darauf, die Dämonen mit einem Pfeilhagel zu empfangen. Fackeln erleuchteten das Schlachtfeld. Zwanzigtausend Dämonen standen am Horizont. Die Lantanier von der Blutsteinburg hatten ihnen den Sieg nicht leicht gemacht. Sazabi erkannte Siggard in den Soldaten vor sich. Als der rote Feuerball hinter ihm unterging, griffen die Dämonen an.
Pfeile sirrten von ihren Sehnen, Schwerter trafen auf Dämonenhäute, Beile auf Schilde. Der Kampf tobte vor den Toren der Stadt. Siggard wirbelte durch die Reihen der Angreifer. Dutzende fielen seiner Klinge zum Opfer. Doch die Wellen der Dämonen brandeten unaufhörlich auf sie ein. Drängten die Verteidiger bis zu den Stadtmauern zurück.
Schließlich erschienen Reiter von Norden. Die Dragoner von Weyden waren eingetroffen und sie keilten die inzwischen halbierte Dämonenarmee ein. Sazabi mobilisierte die restlichen zweihundert Mann aus seiner Stadt und am Morgen war die Schlacht geschlagen.
Alle drei Armeen hatten herbe Verluste zu beklagen.
Doch Siggard lebte. Sazabi konnte es nicht fassen. Sein Leutnant hatte die Dämonen besiegt.
Die nächsten Tage kamen ihm unwirklich vor. Die ganze Stadt feierte. Sie feierte Siggard, den Sieger, den Helden, der die Truppen gegen die Dämone geführt hatte.
Wieder saß Fürst Sazabi auf seinem Thron in der Ratshalle. Wieder konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Was geschehen war, hatte auch an ihm Spuren hinterlassen. Er wartete auf Siggard, denn er wollte ihn noch einmal persönlich ehren bevor dieser nach Lantan reiste um das Land als Fürst wieder aufzubauen.
__„Ihr habt gezeigt, dass Ihr eines Fürsten würdig seit. Als Zeichen meiner Anerkennung gebe ich Euch dies. Dieses Schwert ist seit Generationen im Besitz des Fürsten von SanZebastani. Nun soll es euch gehören. Es symbolisiert Eure Führungsstärke und Eure Entschlossenheit. Werdet ein guter Fürst von Lantan!“
__Siggard!“ Lantania fiel ihrem Fürsten um den Hals. Endlich hatte sie wieder die Kraft ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, als ein Bote eintrat und Sazabi ausrichtete, dass sein Berater Beylen gestorben sei.
__„Er liegt in seinem Zimmer und wacht nicht mehr auf.“
__„Ich weiß.“
Das war der letzte Teil von Sazabis großem Tribut.
Der Helm – Sazabis Geistesthülle – sollte seinen Plan verschleiern, alle Fürstentümer annektieren zu wollen.
Die Rüstung – Sazabis Geister-Befreier – sollte die Dämonen auf Siggard lenken, doch stattdessen schütze sie ihn und er überlebte fast unverletzt.
Das Schwert – Sazabis Kobalt-Erlöser – war der Versuch Sazabis sein Gewissen reinzuwaschen. Er hatte viel falsch gemacht, doch er hatte dies rechtzeitig erkannt und gerettet was noch zu retten war, indem er seinen Plan aufgab und die Menschen schütze, die er anfangs in den sicheren Tod schicken wollte.
Siggard schließlich wurde Fürst von Lantan und Tobrien. Nach einem langen glücklichen Leben vererbte er seine Rüstung an seine Kinder und diese an deren Kinder.
Doch sie teilten die Artefakte unter einander auf und brachen damit die magischen Kräfte, die sie verbanden. Eines Tages schickten die Mächte der Finsternis neue Dämonen und die Artefakte fielen in ihre Hände.
Aber sie sind nicht verloren. Sie sind noch immer in Sanktuario verstreut und warten darauf, dass sie erneut von einem fähigen Krieger vereint werden.