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[Story] Die glorreichen Sieben

huhuu :D
wirklich schöne Geschichte :top: *nach mehr gier*
und jetzt hoff ich gleich dobbelt dass du deine schreibblokade überwunden hast (siehe thread "Argh...")

Hm... Als Telia Alya findet will sie ihr nicht "um die ohren liegen", war das nicht in den Ohren? ^^
Achja und am Ende lobt Telia die Konstitution von Alya... -->Kondition?

Apfelsaft
 
Appel-Juice schrieb:
huhuu :D
wirklich schöne Geschichte :top: *nach mehr gier*
und jetzt hoff ich gleich dobbelt dass du deine schreibblokade überwunden hast (siehe thread "Argh...")

Hm... Als Telia Alya findet will sie ihr nicht "um die ohren liegen", war das nicht in den Ohren? ^^
Achja und am Ende lobt Telia die Konstitution von Alya... -->Kondition?

Apfelsaft

Danke, danke :D Willkommen in meiner Erzählrunde, Appel-Juice ;)

das nächste Kapitel ist bereits fertig und muss noch durch zwei Instanzen (sprich BetaleserINNEN^^), dann werde ich es reinposten.

Es heisst übrigens schon "jemandem um die Ohren liegen", was soviel bedeutet wie "jemandem auf die Nerven gehen"

Und nein, es ist auf keinen Fall Kondition gemeint, sondern die Konstitution.
Kondition: Ausdauer
Konstitution: körperliche Widerstandsfähigkeit

Alles klar?


Gruss Segan :hy:
 
hm..nagut!
Obwohl halt zum Beispiel in einigen Fantasy-Games (Bsp: Baldurs Gate) Kondition als Eigenschaft zur Auswahl stand, welche die Wiederstandskraft stärkt. Und um die Ohren lieg kenn ich trotzdem nicht, aber da werd ich dir einfach mal vertrauen :D

Apfelsaft
 
rofl* darf ich vorstellen mein zweiter Acc, den ich aber nich mehr nutze wegen dem hässlichem Namen :D jetzt hatt ich doch glatt vergessen den zu wechseln :wand:

Apfelsaft
 
Hmm, ich kenn das von irgendwoher^^

Aber es wäre mir WIRKLICH neu, wenn es "in den Ohren liegen" heissen würde, statt "um die Ohren"... naja, vielleicht frage ich mal Reeba bei Gelegenheit.


Gruss Segan :hy:
 
also ich bin auch für in den ohren liegen.

den rest habe ich ja oben schon geschrieben.

Gruß, Helldog
 
Helldog1982 schrieb:
also ich bin auch für in den ohren liegen.

den rest habe ich ja oben schon geschrieben.

Gruß, Helldog

Verräter :D

Ich bleib trotzdem bei meiner Version. Schliesslich will ich meine Originalität beibehalten :P
 
Es heißt tatsächlich 'jemandem in den Ohren liegen', aber wer wird sich denn an solchen Kleinigkeiten aufhängen? :D

*mit Spannung auf das neue Kap. wart*
 
Oh, du bekommst das Kapitel bald, Reeba. :D Ich werde es dir nämlich noch zur letzten Korrektur schicken ;)


Gruss Segan :hy:
 
Ich erlaube mir jetzt mal ein Doppelpost für mein Up :D Viel Spass damit. Und lasst euch nicht von seiner Länge abschrecken....




Kapitel 4 – Die Höhle des Bösen



Es war ein trüber Tag. Die Sonne versteckte sich hinter grauen Wolken, die sich zu einem düsteren Himmelsteppich formierten. Ein nasskalter Wind strich über die verfilzten Moorgelände und schlug kleine Wellen in seichten Tümpeln. Vereinzelt ragte skelettartiges Gehölz aus den feuchten Moossenken. Das Blutmoor bot einen trostlosen Anblick.
Alya und Talia hatten das Lager schon kurz nach Sonnenaufgang verlassen und stapften seit Stunden durch das weiche Gelände. Sie hatten kaum miteinander gesprochen, da sie zu sehr damit beschäftigt waren, auf dem knöcheltiefen, durchwässerten Moos voranzukommen. Bei jedem Schritt stieg Wasser an die Oberfläche und zurück blieben deutliche Stiefelabdrücke. Als besonders unangenehm empfand Alya die schmatzenden Laute, wenn sie mit ihren eisenverstärkten Stiefeln über das Gelände schritt. Nicht nur ihre Stiefel, sondern ihre ganze Kleidung war mit Metall verstärkt worden. Obwohl das Gewicht, das ihre neue Ausrüstung von Charsi mitbrachte, für sie noch ungewohnt war, bot sie durchaus einen beeindruckenden Anblick. Faustgrosse Platten bedeckten ihre Lederrüstung und breite Panzerschalen überzogen ihre Schultern. Ihr Plattengürtel zeichnete eine halbrunde Wölbung auf ihrem Unterleib. Von ihren Füssen aufwärts waren ihre Beine halb von schwarzem Leder bedeckt. Metallene Knieschoner und eisenbeschlagene Stiefel rundeten ihr Erscheinungsbild ab. Mit den Klingenklauen in der Hand sah die Assassine aus wie eine düstere Kriegerin aus einer anderen, dunklen Welt.
Auch Talias Erscheinung liess sich sehen. Sie trug eine weite, eisblau schimmernde Robe, die von einem breiten Metallgürtel umspannt wurde. Ihre langen Haare waren nach hinten gebunden, so dass der Reif, der ihren ganzen Kopf umfasste, deutlich sichtbar wurde. Das Auffallendste an der jungen Zauberin war jedoch ihr Stab. Er überragte die Trägerin um Haupteslänge und sah aus wie ein grosser, knorriger Ast. Der Knorrenstab war mit geheimnisvollen Ornamenten verziert und schimmerte in allen Farben. Ein aussenstehender Beobachter hätte die Zauberin ohne weiteres für eine Eisfee halten können.

„Wie weit ist es noch zur Höhle?“ fragte Alya. Sie blickte zur Zauberin hinüber, die einige Schritte hinter ihr lief. Talia zuckte die Achseln.
„Nicht mehr weit“, antwortete sie. „Kaschya meinte, die Höhle wäre nur einen halben Tagesmarsch in westlicher Richtung vom Lager entfernt. Wir müssten also bald da sein.“
Schweigend wanderten die Beiden weiter.
Irgendwie ist es ein düsterer Tag. Alya hatte das Gefühl, die dunklen Wolken wären nicht bloss eine Laune der Natur, sondern Vorboten eines herannahenden Unheils. Eine Gefahr, die weit über die Bedrohung des Jägerinnenlagers hinausging. Woher dieses Gefühl kam, vermochte sie nicht zu sagen. Plötzlich hielt sie inne. Warnend hob sie eine Hand und Talia blieb erschrocken stehen.
Gefahr.
Ihr Instinkt, gestählt durch jahrelanges Training, schlug an wie eine schrille Alarmglocke. Dann geschah es. Ein leises, blitzschnelles Schwirren schlug durch die Luft. Es war mehr eine Ahnung als ein Geräusch, doch mehr brauchte die Assassine nicht, um zu reagieren. Sie wirbelte herum und riss die Klingenklauen mit. Etwas Unsichtbares traf ihre Stahlkrallen. Ein seltsam metallisches Geräusch erklang. Und im nächsten Augenblick sah Alya, was es war. Eine dünne, handlange Nadel, die mit giftgrünem Schleim überzogen war, fiel zu Boden. Eine geschlagene Sekunde starrte sie auf das Geschoss. Wer oder was verschiesst vergiftete Nadeln aus Metall? Die Antwort bekam sie im nächsten Atemzug. Ein leises Zischen liess beide in die Richtung blicken, aus der der Stachel gekommen war.
Es war das seltsamste Tier, das Talia jemals gesehen hatte. Der Kopf ähnelte dem einer Ratte, hatte aber die dreifache Grösse. Die Augen starrten voller Bosheit aus dem breiten Schädel. Sein gewölbter Rücken war übersät mit so grossen und seltsamen Nadeln, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Im selben Atemzug, als Talia die Metallnadeln sah, die aus hornartigen Zacken ragten, wusste sie, dass dies kein Tier war. Jedenfalls keines, das in Sanktuario heimisch war. Ein kränkliches Braun zog sich über sein Fell und hörte dort auf, wo sein Schwanz anfing. Schlangengleich schwang das nackte, rosige Ende hin und her. Die kleinen Pfoten versanken im Morast. Die Kreatur mochte ihr bis halb zu ihren Waden reichen. Wie eine Kreuzung aus Ratte und Stacheltier, schoss es der Zauberin durch den Kopf. Eine Stachelratte.
Und sie war nicht allein.
Zwei weitere Stachelratten flankierten die erste. Sie zischten abwechselnd. Die grosse Ratte, die Alya angegriffen hatte, richtete drohend ihre Stacheln auf. Ihre Artgenossen taten es ihr nach. Diesmal spürte auch Talia die Gefahr und spannte sich an. Ganz ruhig. Sie durfte nicht nervös werden. Die Zauberin schloss die Augen und konzentrierte sich. Sie begann zu murmeln. Ihre Stimme erhob sich zu einem melodischen Singsang. Die Robe flatterte sacht. Um ihre Füsse herum erschien ein bläulich leuchtender Kranz. Der Kreis hob sich wirbelnd vom Boden und wanderte über ihren Körper. Der Wirbel verwandelte sich in eine Korona aus Eis und Kälte, die ihre Gestalt wie ein Schutzschild umgab. Im selben Augenblick, als die Eisrüstung Talia ganz einhüllte, ging ein Ruck durch die stachelbewehrten Fellkörper. Drei schleimüberzogene Metallnadeln schossen auf die Zauberin zu. Als die Geschosse den durchsichtigen Panzer aus Eis trafen, erstarrten sie augenblicklich. Im nächsten Moment hörte Talia die Nadeln zersplittern. Sie öffnete die Augen. Während sie ihren Eispanzer beschworen hatte, waren allerhöchstens zwei Sekunden vergangen. Und doch hatte sich das Bild verändert.
Die Stachelratten waren tot. Die boshaften, glühenden Augen waren erloschen. An ihren Stirnen ragten Wurfsterne, Shuriken, wie zackige Hörner auf.
„Beeindruckend“, bemerkte Alya, während sie zu den toten Stachelviechern hinüberging und ihre Wurfsterne einsammelte. „Was genau hast du dir da gezaubert?“ wollte sie wissen.
„Eine Eisrüstung“, antwortete Talia. Langsam wich die Anspannung von ihr und sie merkte, dass sie nun doch nervös war. „Sie friert alles ein, was mir in feindlicher Absicht zu nahe kommt“, erklärte sie.
„Sehr praktisch“ meinte die Assassine. Bewundernd musterte sie die Zauberin einen Moment lang, dann wandte sie sich ab. „Wir müssen weiter“, ohne eine Antwort abzuwarten, stapfte Alya schon voran. Nach einem schnellen Blick auf die leblosen Stachelratten folgte ihr die junge Magierin.

Die Höhle war tatsächlich nicht mehr weit entfernt. Die beiden jungen Frauen marschierten noch eine halbe Stunde weiter, ehe sie beinahe in ein mannsgrosses, kreisrundes Loch gefallen wären. Stirnrunzelnd betrachtete Alya die schwarze Öffnung, die sich vor ihr auftat. Sie hatte das Loch für den Schatten einer Senke gehalten, die sie sonst überall im Blutmoor sah. Sie konnte vage erkennen, dass eine Treppe hinabführte. Jedenfalls vermutete sie, dass es eine Treppe war, wenn sie die steinernen Wellen, die sich in der Dunkelheit abzeichneten, als Stufen bezeichnen wollte.
„Ist das die Höhle?“ fragte Alya überflüssigerweise. Doch Talia nickte trotzdem.
„Scheint so...“ die Zauberin zögerte. Das riesige, schwarze Loch behagte ihr nicht und bei dem Gedanken, auch nur einen Fuss in die Dunkelheit zu setzen, sträubte sich alles in ihr. Ihr Zaudern entging Alya keineswegs. Als die Zauberin merkte, wie die Assassine sie beobachtete, riss sie sich zusammen.
„Nun gut, gehen wir rein!“ sagte Talia entschlossen und stieg zuerst die Stufen hinab. Ihre Gefährtin folgte ihr lächelnd dichtauf.
Der kreisrunde Schacht führte tief in den Grund hinein und schien kein Ende zu nehmen. Es war stockdunkel. Alya schätzte, dass sie sich bereits fünf Meter unter der Erdoberfläche befanden, als ein rötlicher Schimmer irgendwo tief unten erschien. Sie roch den durchdringenden Geruch von Pech und sie wusste, dass hier unten vor nicht allzu langer Zeit eine Fackel angezündet worden war. Nach einer Ewigkeit, so schien es, verwandelte sich das Schimmern in ein unruhiges Flackern. Die Flammen warfen wild tanzende Schatten an den Wänden und überzogen sie mit dumpfen Rot. Die beiden hatten das Ende des Schachtes erreicht und standen in einem grossen, gewölbten Raum aus glattem Stein.
Alya vermutete, dass sie sich jetzt mindestens zwanzig Meter unter der Erde befinden mussten. Prüfend fuhr ihr Blick über die Felswände. Sie konnte erkennen, dass ein schmaler Gang, welcher nur als tiefer Schatten im Fels erkennbar war, zu einem weiteren Raum führte. Im dämmrigen Licht konnte sie das Gesicht der Zauberin sehen, die sich beklommen umblickte. Auch ihr schien die gespenstische Stille nicht zu behagen. Etwas stimmt hier nicht, dachte Alya beunruhigt. Sie war sich sicher, dass die Höhle bewohnt war, was die brennende, dreibeinige Fackel neben dem Schacht bewies. Aber es war zu still. Ihr war, als ob die Luft für einen Moment ruhte und sich sammelte, ehe sie sich zu einem gewaltigen Sturm entfesselte und ihre unglücklichen Opfer zerriss. Die Assassine wusste nicht, woher dieser Gedanke kam. Aber er war da und grub sich unbarmherzig in ihrem Kopf ein. Einen Moment lang hing sie noch der Vorstellung eines alles wegfegenden Sturmes nach, ehe sie sie abschüttelte wie unnützen Ballast. Es half ihr nicht weiter. Stattdessen begann sie langsam, die tief in ihrem Inneren verborgene, kalte, berechnende Attentäterin zu wecken. Sie spürte, wie ihre Wahrnehmung sich änderte. Ihr Gehör wurde feiner, ihre Sehkraft schärfer, ihr Geruchssinn empfindlicher und ihre harten Muskeln spannten sich an. Alya war nun kein Mensch mehr. Sie war eine Killerin auf Jagd. Lautlos verschmolz sie mit dem Schatten in der Höhle und pirschte auf den Gang zu, der sie weiter in die Höhle hineinführen würde. Die feinen Härchen auf ihrer Haut zitterten vor Anspannung.
Ihre Krallen aus Stahl glänzten im Schein der Fackel.

Talia zitterte am ganzen Körper. Sie packte ihren Stab so fest, dass die Knöchel weiss hervortraten. Eine solch furchteinflössende Dunkelheit hatte sie noch nie erlebt. Die Fackel neben dem Eingang erhellte die Höhle nicht wirklich. Der rote, flackernde Schein zog sich kreisförmig über den Boden und die Wand, doch er reichte nur ein paar Schritte weit in die Finsternis und verlor sich darin. Sie schien jedes Licht in sich aufzusaugen und in ein schwarzes Nichts aufzulösen. Ein Hauch von etwas abgrundtief Bösem, das in der Schwärze lauerte, schwebte in der Luft.
Hier in dieser Höhle wohnt das Böse.
Sie schloss die Augen und beschwor in Gedanken das Bild ihrer Lehrmeisterin herauf.

Ihre langen, weissen Haare glänzten wie Silber im sanften Sonnenlicht, das auf die Waldlichtung schien. Die warmen, rehbraunen Augen zeugten von einer Weisheit, die sich in einer langen Kette von Jahrhunderten aus dem Bewusstsein eines abenteuerlichen Lebens herauskristallisiert hatte. Kleine Fältchen zierten ihre samtene Gesichtshaut und umschmeichelten ihre Augen und ihren Mund. Voller Wärme und Zuneigung blickte sie auf ihre junge Schülerin herab. Taelinna sah erwartungsvoll und mit wissbegierigen Augen zu ihrer Lehrmeisterin auf. Sie zählte nunmehr elf Jahre und zeigte erste Anzeichen ihrer spriessenden Weiblichkeit unter ihrer einfachen blauen Robe. Sie fragte sich, was ihre Meisterin ihr wohl heute beibringen würde.
„Nun, meine Schülerin“, sprach Guldurwen, „bisher hast du dich nur darauf konzentriert, die Magie der Kälte zu beherrschen. Aber auch wenn du dich für eine Richtung der Elementarzauber entschieden hast, darfst du die anderen nicht aus den Augen lassen. Denn es gibt einige Fertigkeiten aus anderen Elementen, die dir nützlich sein können.“ Sie legte eine wohl bemessene Pause ein, um ihre Worte auf die junge Zauberin einwirken zu lassen, ehe sie fortfuhr. „Heute schauen wir uns einen Zauber an, der zum Zweig der Feuermagie gezählt wird.“ Guldurwens Stimme hob an und gewann an Intensität. Taelinna hing wie gebannt an ihren Lippen. „Im Körper eines jeden Lebewesens existiert ein inneres Feuer. Es ist die Nahrung, aus der die Seele ihre Energie schöpft.
Man nennt es
Urna, Wärme.“
Sie streckte ihre Hand aus.
„Komm her, mein Kind.“ Gehorsam trat die Schülerin auf sie zu und ergriff ihre Hand. „Ich zeige dir, wie du dein inneres Feuer anfachen und so Kraft schöpfen kannst. Schliess deine Augen und beobachte gut, was du siehst oder fühlst“
Taelinna gehorchte und schloss die Augen. Im Geiste sah sie die Gestalt ihrer Meisterin als einen feurigen Strom aus Bele, aus Macht. Sie floss durch den ganzen Körper und drang in jede Faser ihrer Existenz ein. Der Bele, der durch die Hand Guldurwens flutete, griff auf Taelinnas Arm hinüber und umschlang ihren kleinen Leib. Die Schülerin blickte mit ihrem inneren Auge auf sich herab und beobachtete, wie die Kraft ihrer Meisterin auf ihrem Astralkörper wanderte. Sie empfand die Wärme als reine Glückseligkeit. Dann spürte sie mit einem Male, wie es in ihr rauschte. Die Empfindung schwoll zu einem Tosen heran und ehe sie sich versah, riss ein gewaltiger, hitziger Strom sie mit. Entsetzen packte sie, als sie merkte, dass ihr Astralköper zu zerfliessen drohte.
‚Konzentriere dich, Taelinna!’ flüsterte eine vertraute Stimme. ‚Lass dich nicht von deiner eigenen Kraft überwältigen.’
Die junge Zauberin versuchte es. Sie sammelte sich und konzentrierte sich auf die Richtung ihres eigenen Bele. Langsam gewann ihr Astralkörper ihre Gestalt zurück und der Strom wurde gemächlicher.
‚Sieh hin.’ Guldurwens Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Taelinna sah hin. Sie verfolgte die Spur ihres Bele und schwamm hindurch. Dann sah sie die Quelle. Es war ein glühendes Feuer, das wie aus dem Nichts zu brennen schien. Es war das Zentrum der Macht, die von ihm ausging.
Ihr inneres Feuer.
Sie schwamm auf das Glühen zu und griff danach. Als ihre Hände das Feuer berührten, begann es zu schrumpfen. Gleichzeitig schien ihr Körper zu wachsen. Sie wurde immer grösser, so dass der Astralleib durch das Feuer drang und es in die Tiefe ihres Geistes zog.
‚Du hast die Wärme in dir geweckt, mein Kind’


Talia schlug die Augen auf. Sie fühlte ihren Bele durch ihren Körper brausen und die Wärme prickeln. Ihr Herz fand zu seinem normalen Rhythmus zurück und schlug nun gleichmässig in ihrer Brust. Sie atmete tief aus. Die Angst war verflogen und an ihre Stelle trat wachsame Anspannung. Der Hauch des Bösen schien nicht länger bedrohlich, aber immer noch beängstigend.
„Was machst du, Talia?“ Die Stimme kam leise aus der Dunkelheit. Erschrocken blickte sie sich um. Ausser dem flackernden Schein an den Steinwänden und der Dunkelheit um ihr herum konnte sie nichts erkennen.
„Wo bist du?“ rief die Zauberin. Das Echo ihres Rufes hallte tausendfach zwischen den Steinwänden wider.
„Nicht so laut!“ zischte die Stimme. Alya trat in den Schein der Fackel und starrte Talia böse an.
„Tut mir leid“, murmelte die Andere kleinlaut. „Ich habe dich in der Dunkelheit nicht gesehen und da...“ Talia brach ab. Es war ihr unangenehm zuzugeben, dass sie gerade Angst gehabt hatte. Die Assassine verdrehte die Augen.
„Kein Grund, gleich zu schreien“, belehrte Alya die Zauberin. „Wir sind nämlich nicht alleine hier. Und wenn du so lange auf die Fackel starrst, ist es kein Wunder, dass du nichts mehr erkennst“
Talia war verblüfft. Sie hatte die Fackel nicht einmal angeschaut, das wusste sie. Ihre Augen waren nämlich die ganze Zeit geschlossen gewesen. Hatte sie sich instinktiv zu der einzigen Lichtquelle in diesem Raum gewandt? Oder hatte sie sich gar nur eingebildet, die Augen geschlossen zu haben? Ein Schauer lief über ihren Rücken.
Unheimlich.
Mit einem Male schien sich das unruhige Flackern an den Wänden zu verändern. Es wurde ruhiger und schlug langsame Wellen durch das Gestein. Der rötliche Glanz wurde heller und heller, bis er nur noch aus Licht zu bestehen schien. Das Licht formte sich zu Linen, die in kraftvoller Anmut schwangen. Plötzlich befand sie sich nicht mehr in der Höhle, sondern sie schwebte durch einen lichtdurchfluteten Raum. Die Helligkeit schmerzte ihre Augen, doch sie war unfähig, ihren Blick von der atemberaubenden Erscheinung abzuwenden.
Vor ihr stand die grösste Gestalt, die Talia jemals in ihrem Leben gesehen hatte. Sie war doppelt so gross wie die Zauberin und von ihr ging eine solche Aura aus purer Macht aus, dass ihre Seele sich unter dem Druck krümmte. Die Erscheinung trug eine prächtige leuchtende, mit geheimnisvollen Mustern verzierte Rüstung, die golden schimmerte. Der rote Umhang, den die Erscheinung trug, flatterte sachte wie in einem beständigen Luftstrom. Aus seinem Rücken sprossen gewaltige Federschleifen, die singend durch die Luft schwangen. Das Gesicht, im Schatten einer lilienweissen Kapuze verdeckt, schien auf Talia hinabzustarren.
Ein Engel.
„Willst du da Wurzeln schlagen?“ kam es plötzlich ungeduldig aus dem flackernden Schatten. Die Vision zerfiel augenblicklich. Die Umgebung aus Licht verwandelte sich wieder in eine dunkle, von Fackeln erleuchtete Höhle. Benommen schüttelte Talia den Kopf, als ob sie aus der Betäubung aufwachte. Sie vermochte nicht zu sagen, ob sie gerade eine Traum erlebt hatte oder ob ihr eine Vision erschienen war.
Wo war überhaupt der Unterschied? Vielleicht überhaupt keiner. Ihr kam flüchtig der Gedanke, sich zu fragen, weshalb ein Engel ausgerechnet ihr, tief in einer Höhle irgendwo in den Weiten des Westmarks, erscheinen sollte.
„Was ist mit dir los, Talia?“ Die Stimme, die die Zauberin aus ihren Gedanken riss, war nicht mehr ungeduldig, sondern eindeutig ärgerlich. Mühsam drehte sie sich zu Alya hinüber, die sie nur als Schatten wahrnahm.
„Nichts“, antwortete die junge Magierin. Sie merkte, wie schwer es ihr fiel, zu sprechen. Wie sollte sie erklären, dass sie eben einem Engel begegnet war, dessen singende Schwingen immer noch in ihrem Kopf nachklangen?
Die Assassine trat zu Talia und musterte sie. Ihre Augen waren weit aufgerissen und in ihrem Gesicht lag ein halb entrückter Ausdruck. Besorgt wanderte ihr Blick zur Fackel und wieder zur Zauberin zurück.
„Ist alles in Ordnung?“ fragte Alya leise. Sanft griff sie nach Talias Schultern und suchte ihren Blick. Die Andere blinzelte und schien aus einer Trance zu erwachen. Schwach nickte die Zauberin.
„Ja“, flüsterte sie, „es ist alles in Ordnung.“
Skeptisch sah die Assassine sie an. Sie war nicht überzeugt, wollte ihre Gefährtin aber nicht bedrängen. Darum liess sie von ihr ab und wandte sich dem Gang zu. Schon nach wenigen Augenblicken hörte sie leise Schritte, die ihr folgten.
Während Talia hinter Alya herschritt, wurde ihr Kopf klarer. Sie versuchte, über das nachzudenken, was sie erlebt hatte, als ihr etwas ins Auge stach. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, was sie irritierte. Es war die Assassine. Sie bewegte sich anders als sonst. Talia fühlte sich bei diesem Anblick an etwas erinnert. Diese Gangart hatte sie schon einmal beobachtet.
Aber wo?
Dann fiel es ihr schlagartig ein. Während ihren früheren Streifzügen durch Khanduras Wälder war sie einmal einer Salkamori, einer äusserst seltenen Wildkatze begegnet. Das Besondere an diesem Raubtier war ihre glänzende, pechschwarze Fellfarbe. Die Tatsache, dass sie die Grösse eines ausgewachsenen Wolfes erreichte und dass sie sich wie kein anderes Raubtier darauf verstand, sich lautlos zu bewegen, machte die Salkamori zu einer extrem gefährlichen Jägerin in der Nacht.
Die schwarze Wildkatze war auf Jagd nach jungen Boas gewesen, die sich in dichtem Gebüsch schlängelten. Gebannt hatte die junge Zauberin in der dunklen Dämmerung zwischen den Bäumen beobachtet, wie sie sich an ihre ahnungslosen Opfer heranpirschte. Auf lautlosen Pfoten hatte sie sich herangeschlichen, ehe sie sich mit einem gewaltigen Sprung auf ihre Beute stürzte und sie zerfetzte.
Genau so bewegte sich Alya.
Wie eine Raubkatze auf Pirsch.

Schon nach wenigen Minuten wurde ein rötliches Flackern am Ende des Ganges sichtbar. Es war nur ein heller Fleck von der Grösse eines Staubkornes am Ende eines langen Tunnels. Doch Alya sah ihn wohl. Sie nahm auch das mittlerweile vertraute irre Kichern der kleinen Rotzwerge wahr.
Meine Beute.
Sie schlich sich weiter voran und witterte den Geruch von Schwefel. Das Flackern kam immer näher und auch das Kichern wurde lauter. Nach einer Weile konnte sie die Fackel erkennen, die an der Schwelle zum nächsten Raum stand. Sie erkannte, dass in dieser Höhle mehr Fackeln stehen mussten als in der vorherigen, denn sie war heller. Die Assassine blieb stehen und bedeutete Talia, die hinter ihr ging, anzuhalten und schlich dann weiter. Einige Schritte vor der Fackel hielt sie inne und lauschte. Kleine, hastige Schritte eilten über den Steinboden und immerwährende Laute, die entfernt an ein verzerrtes Lachen erinnerten, begleiteten sie. Sie konnte nicht feststellen, wie viele dieser kleinen Viecher sich in der Höhle befanden. Sie wusste nur, dass es viele waren.
Sehr viele.
Alya wagte sich noch einige Schritte in die Reichweite des Feuerscheins vor, bevor sie über die Schwelle hinausspähte. Sie sog scharf die Luft ein. Die Höhle war doppelt so gross wie die letzte und mass vielleicht zwanzig Schritte in der Mitte. Ein halbes Dutzend Fackeln standen herum und warfen gespenstische Schatten an die Wände. Sie konnte erkennen, dass zwei weitere Gänge aus diesem Raum und weiter in die Höhle führten. Verweste Leichen von Jägerinnen lagen herum. Was aber die Aufmerksamkeit der Assassine fesselte, war die Ansammlung von diesen kleinen, roten Teufeln, die hektisch hin und her liefen und mit ihren Äxten auf seltsame Holzgebilde am Boden schnitzten. Verwirrt erkannte Alya, dass es sich um hölzerne Schilde handelte. Was um alles in der Welt wollten diese kleinen Kreaturen mit Schilden anfangen, die so gross waren wie sie selbst? Die Antwort liess nicht lange auf sich warten.
Das schrille Geifern eines Schamanen schallte durch die Höhle.
„Beeilt euch, Gefallene! Wir müssen fertig sein, ehe Totenfeuer mit seiner Armee hier vorbeikommt.
Weil uns dieser verdammte Zombie als seine Vorhut auserkoren hat, sind wir den Pfeilen dieser verfluchten Jägerinnen ausgeliefert. Wenn wir nicht schon krepieren wollen, bevor wir das Lager erreicht haben, dann stellt die Schilde endlich fertig! Los, ihr faulen Säcke!“

Alyas Gesicht verdunkelte sich, als sie begriff, was sie da eben gehört hatte. Akara hatte sich nicht geirrt, die Monster waren tatsächlich dabei, das Lager anzugreifen. Sie zog sich schnell und lautlos in den Schatten des steinernen Ganges zurück.
„Es sind diese kleinen, rote Monster. Der Schamane dort drinnen nennt sie Gefallene“, flüsterte Alya, als sie die Zauberin erreichte, „es sind dreissig an der Zahl.“ Talia stöhnte leise.
„So viele...“, murmelte sie verdriesslich.
„Und in der Höhle befinden sich vermutlich noch weitaus mehr Kreaturen“, fuhr die Assassine leise fort, „Er sprach von einem Zombie namens Totenfeuer . Er scheint der Anführer der Armee zu sein, von der Akara gesprochen hat.“
„Was machen wir jetzt?“ fragte Talia.
„Zuerst einmal wirfst du deine Eisrüstung an“, antwortete Alya. „Bei so vielen Gegnern kann ich nicht für deine Sicherheit garantieren.“ Sie dachte kurz nach.
„Ich werde zuerst den Schamanen töten. Aber er steht am anderen Ende der Höhle hinter diesen Gefallenen. Diese Biester sind nicht wirklich gefährlich, aber zahlreich“, erklärte sie und schaute die Zauberin eindringlich an. „Da brauche ich deine Hilfe, Talia. Du musst so viele von ihnen wie möglich einfrieren. Kannst du das?“
Die Andere nickte langsam.
„Ja, das kann ich“, bestätigte sie und überlegte kurz. „Hör mir zu“, sagte sie, „Ich gehe zum Eingang hinüber und lenke die Aufmerksamkeit auf mich und friere sie ein. Wenn ich dir ein Zeichen gebe, greifst du an.“ Als sie sah, wie die Assassine widersprechen wollte, legte sie die Hand an ihre Schulter.
„Vertrau mir. Ich wende diesen Zauber nicht zum ersten Mal an.“
Einen Moment lang blickte Alya skeptisch drein, dann zuckte sie die Achseln. Die Zauberin schien das Selbstvertrauen erstaunlich schnell zurückgewonnen zu haben. Irgendwie wurde sie nicht schlau aus ihr.
„Nun gut, wir werden es gleich sehen“, meinte sie, „Bist du bereit?“
Talia nickte nur und schritt zum Eingang hinüber.

Die Gefallenen arbeiteten fleissig weiter, liefen sinnlos umher und gaben ihr Bestes, sich gegenseitig auf die Füsse zu treten, als ein Ruf durch die Höhle schallte.
„Heda, ihr kleinen, stinkigen Zwerge!“
Dreissig rote Köpfe drehten sich gleichzeitig mit einem Ruck in die Richtung hinüber, wo die Stimme herkam. Talia stand breitbeinig vor dem Eingang und hatte ihre schimmernde Eisrüstung beschworen . Neben ihr stand Alya in einer leicht gebückten Haltung, so, als ob jeden Moment losstürmen wollte.
Es war totenstill.
Talia schluckte angesichts der schieren Masse der Gegner, die ihr gegenüberstand. Sie fragte, wie sie überhaupt auf die irrwitzige Idee gekommen war, gegen eine dreissigfache Übermacht anzutreten.
Aber es half nichts.
Sie begann zu murmeln. Eine fremde Melodie entschlüpfte ihren Lippen und ein vibrierendes Leuchten ging von ihrem Körper aus. Die schwefeldurchtränkte Luft schien zu summen und zu beben.
Einer der Gefallene löste sich aus der Starre und stiess ein schrilles Kreischen aus.
„Das ist Hexe, die unsere Brüder vernichtet hat!“
Die glühenden Augen der umstehenden Kreaturen verdunkelten sich für einen Moment und im nächsten Augenblick stürmten dreissig Gefallene gleichzeitig auf die beiden Frauen los. Doch sie kamen zu spät.
Talias Gestalt leuchtete immer stärker und glitt in ein intensives Blau über. Sie schien zu wachsen und eine winzige Zeitspanne lang verwandelte sich das blaue Licht in eine riesige Kugel, die ihre Körper umfasste. Von einer Sekunde zur anderen erfasste ein explosionsartiges Beben die Zauberin und eine Welle aus Frost breitete sich mit rasender Geschwindigkeit um sie aus. Die kalte Woge schlug durch die Körper der Gefallenen und liess sie erstarren.
„Jetzt!“ schrie Talia.
Alya rannte auf die feindliche Gruppe los. Als die Zauberin schon glaubte, sie wollte die Horde einfach überrennen, sprang die Assassine im letzten Moment ab. Sie schoss über die erfrorenen Leiber hinweg und landete noch im gleichen Atemzug hinter den feindlichen Linien. Der Schamane war nur noch zehn Schritte von ihr entfernt. Bevor dieser reagieren konnte, war Alya in drei, vier Sätzen bei ihm. Wie aus dem Nichts flog ihre rechte Waffe auf sein Gesicht zu. Instinktiv riss der Gefallene seinen Stock schützend vor sein Gesicht, doch es nutzte nichts. Die dreigliedrigen Stahlkrallen frassen sich mühelos durch das Holz, das mit einem trockenen Laut zerbarst. Knirschend rissen die Klingen den feindlichen Schädel auf und zerfetzten ihn regelrecht. Die Wucht des Angriffes schleuderte den kleinen Körper nach hinten, wo er an der Wand aufschlug und, eine Blutspur hinterlassend, zu Boden fiel. Der Kopf des Schamanen hing in einem unnatürlichen Winkel herunter und bot einen grauenhaften Anblick. Wo einst sein Gesicht war, klafften nun hässliche Furchen auf, die sein fleischliches Inneres entblössten und sich durch die gesamte rechte Gesichtshälfte zogen. Blut floss aus den Wunden und sammelte sich auf dem Boden zu einer Lache.
Alya rührte sich nicht. Sie stand nur starr da, ihre Rechte ausgestreckt und mit seltsam nach vorn gebückter Haltung, als ob sie mitten im Lauf stehen geblieben wäre. Ihr Atem ging schnell und flach. Sie wartete auf die Reaktion, die sie schon unzählige Male überfallen hatte. Es war der Reflex eines Menschen, der nicht zum Töten geboren war, aber das tödliche Handwerk notgedrungen erlernt hatte. Ihre Augen nahmen einen leicht glasigen Ausdruck an und kalter Schweiss brach aus ihr heraus. Schlagartig überkam sie Übelkeit, das ein Vorzeichen war, kurz vor dem Erbrechen zu stehen. Doch sie tat nichts dergleichen. Sie unterdrückte das aufsteigende Gefühl und zwang ihren Verstand, die Rebellion ihres Leibesinneren zu ignorieren, wie sie es so oft davor getan hatte.
Ein Aufschrei riss Alya aus ihrem inneren Aufruhr. Mit einem Ruck wirbelte sie herum und erkannte Talia, die hilflos nach hinten taumelte. Die Horde der Gefallenen war aus ihrer Erstarrung erwacht und attackierten nun die Zauberin. Ihre Robe war bereits an mehreren Stellen zerrissen und sie blutete aus zahlreichen Wunden. Ihren Knorrenstab, die bereits zahlreiche Einschläge aufwies, hielt sie schützend vor sich. Die Assassine fluchte leise. Sie begriff, dass sie die Wirkung des Eispanzers völlig falsch eingeschätzt hatte. Er schützte ihre Gefährtin nicht unbedingt vor Verletzungen, sondern fror nur die Gegner ein, die sie direkt angriffen. Was bedeutete, dass ein Feind ihren Panzer durchbrechen konnte, ehe er ihre eisige Wirkung zu spüren bekam.
Die erste Reihe der Gefallenen, die durch die Berührung des Eispanzer erstarrt waren, wurde einfach unter dem Ansturm der zweiten Reihe begraben. Der vorderste Gefallene schwang seine Holzaxt und zielte auf Talias Oberschenkel, als ein plötzliches Zucken durch seinen kleinen Körper ging. Er rollte mit den Augen und gab ein Krächzen von sich, ehe er vornüber auf die Eiswand fiel und schliesslich mit seinem erkalteten Leib auf dem Boden zerschellte. Ein Wurfstern lag zwischen den Eissplittern. Bevor Talia begriff, was geschehen war, stürmte schon der zweite Angreifer mit dem Kopf voran auf sie zu.
Er kam nicht weit
Ein riesiger Schatten senkte sich auf den kleinen Rotzwerg hinab, und ehe er es sich versah, landete Alya mit ihrem vollen Gewicht auf ihm. Ihre Stiefel trafen seinen Kopf und zerschmetterten ihn mit aller Wucht auf dem Felsboden. Ohne das hässliche Geräusch unter ihren Füssen zu beachten, das wie eine Mischung aus brechenden Knochen und platzenden Luftblasen auf der Wasseroberfläche klang, drehte sie sich mit einem Schwung herum. Gleich drei angreifende Gefallene gerieten in die tödliche Bahn ihrer ausgestreckten Klingen und sackten leblos zusammen. Von dem Auftauchen der Assassine überrascht, kam der Ansturm der Horde ins Stocken. Respektvoll wichen sie zwei, drei Schritte zurück vor der schwarzen, blutbesudelten Gestalt, deren Krallen unheilvoll auf die kleinen Kreaturen zeigten. Alya nutzte die Atempause, die ihr der überraschende Angriff beschert hatte, um nach der Zauberin zu sehen. Sie befand sich nur einen Schritt hinter ihr mit dem Rücken an die Wand gelehnt.
Talia zitterte am ganzen Körper. Ihre Finger umschlossen krampfhaft ihren Stab. Die Masse von roten, geifernden Leibern, die sich auf sie stürzte, hatte sie vollkommen überrumpelt. Die glühenden Augen der Gefallenen versetzten sie in lähmende Angst. Ihr Bele, der sonst durch ihren Körper strömte wie ein mächtiger Fluss, zuckte unkontrollierbar in ihren Adern. Verzweifelt versuchte sie, ihre Kräfte zu bündeln, doch sie entglitten ihr immer wieder. Ihre Konzentration war verschwunden, statt dessen packte sie die Panik. Plötzlich fühlte sie, wie ihre Schulter hart gepackt wurde.
„Talia!“
Das Gesicht der Assassine tauchte vor ihr auf und sah sie gehetzt an. „Kannst du diesen Zauber von vorhin wiederholen? Ich gebe dir Deckung!“
Panisch schüttelte Talia den Kopf.
„Ich...“, ihre erstickte Stimme geriet ins Stocken, „..ich kann nicht!“
Für eine geschlagene Sekunde starrte Alya sie ungläubig an. Sie waren von Dutzenden Monstern umringt, die sie beide jeden Moment angreifen würden, und die Zauberin konnte nicht? Sie fühlte Wut in sich aufsteigen. Wie konnte ich mir nur auf sie verlassen? Ein mahlendes Geräusch entstand, als sie mit ihren Kiefern knirschte.
„Bei den Brüdern der Vizierej“, zischte sie durch die zusammengepressten Zähne, „Wenn du nicht zaubern kannst, dann kämpfe!“ Das letzte Wort schrie sie.
Mittlerweile hatten die Gefallenen ihre Überraschung überwunden und griffen Alya an. Sie ging leicht in die Knie, spannte sich an und schwang ihr rechtes Bein mit gestreckten Fussspitzen zur Seite. Dann schnellte ihr Bein urplötzlich nach vorne und streckte sich. Sie zog die Fussspitze zurück und trat mit der Ferse auf den ersten Angreifer. Ein peitschender Knall zerriss die Luft. Der Kopf des Gefallenen zerbarst unter dem Tritt und wie aus dem Nichts erfasste ihn eine gewaltige Druckwelle, die seinen Körper brutal in seine eigenen Reihen zurückwarf. Die ganze Horde schwankte wie unter einem unsichtbaren Hieb. Alya liess ihren Gegnern jedoch keine Zeit, sich zu erholen, sondern stürmte voran. Mit kerzengeraden Armen stiess sie die beiden Waffen in die Schädel zweier Gefallener. Ohne innezuhalten, stürmte sie weiter und riss die Klauen aus den Schädeln heraus. Die Klingen beschrieben eine pfeifende Bahn zu beiden Seiten und zwei weitere Gegner, die das Pech hatten, in ihre Reichweite zu geraten, fielen tödlich getroffen. Entsetzt blickten die roten Monster ihre gefallenen Kameraden an. Allerhöchstens zwei Sekunden waren vergangen, seit sie Alya angegriffen hatten, und bereits lagen fünf ihrer Artgenossen am Boden. Die Schnelligkeit und die Brutalität, mit der die Assassine durch die feindlichen Reihen wütete, versetzte die Gefallenen in Angst und Schrecken. Als sie den Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Widersacherin sahen, vergassen sie ihre zahlenmässige Überlegenheit und stoben kreischend auseinander.
Keiner entkam.
Alya fuhr wie eine schwarze Todesfee durch die flüchtende Horde und richtete ein regelrechtes Blutbad an. Wo ihre Tritte trafen, brachen die Knochen reihenweise und wo ihre Klingenklauen schnitten, wurde Fleisch zerfetzt.
Dann senkte sich Stille hinab.

Alyas Atem ging stossweise durch ihre schmerzenden Lungen. Blut, das nicht ihres war, rann über ihr Gesicht und vermischte sich mit Schweisstropfen. Nur allmählich legte sich der Sturm in ihrem Inneren, hervorgerufen durch ihre unbezähmbare Raubkatze. Ihre Augen blinzelten den nebligen Dämmerschleier weg, der sie immer dann überfiel, wenn sie sich selbst vergass. Obwohl eine Assassine sich niemals vergessen durfte. Langsam sah sie sich um. Sie stand breitbeinig in einem Meer aus zerschlagenen Kadavern. Entstellte Leiber, zerfetzte Gedärme und herausragende Knochensplitter beherrschten die Szenerie in dieser Höhle. Obwohl die Assassine nicht zum ersten Mal getötet hatte, obwohl ihr der Geruch von fremdem Blut so vertraut war wie die jetzt aufsteigende Übelkeit, erschrak sie doch. Was sie sah, zeugte von einer solcher Rohheit, dass sie ihr selbst völlig fremd war.
So habe ich mich noch nie gehen lassen. Das hier war ich nicht. Ich kann es nicht gewesen sein. Du warst es, namenloses Biest. Nicht ich.
Ein leises Fauchen klang in ihrem Kopf wider, und vor ihrem inneren Auge tauchte eine Öde aus Finsternis auf, in der ein katzenhaft aussehendes Raubtier ihr gegenüberstand und sie wortlos anstarrte, ehe es sich umdrehte und in der Dunkelheit verschwand.
Du oder ich, es macht keinen Unterschied.
Sie vermochte nicht zu sagen, ob diese Worte von der Bestie stammte oder von ihr selbst. Vielleicht stimmte es ja. Es machte überhaupt keinen Unterschied. Jeder Mensch hatte zwei Gesichter und ihr zweites war das ihres inneren Ungeheuers.
Sie schüttelte mühsam den Kopf, und das finstere Ödland entschwand. Solche Gedanken führten zu nichts. Sie wischte sich das Blut vom Gesicht weg und blickte sich um.
Sie entdeckte Talia.
Die junge Zauberin stand reglos in der Nähe des Höhleneingangs. Die Eisrüstung war erloschen. Ihre Augen hatten einen glasigen Ausdruck angenommen und ihr Gesicht war mit glänzender Nässe überzogen. Ihre Miene verriet Abscheu und Entsetzen, als sie ihren blutbeschmierten Knorrenstab ansah, dann Alya anblickte und ihren Blick schliesslich über den leichenübersäten Höhlenboden schweifen liess. Als Alya den Gefallenen vor ihren Füssen sah, dessen Schädel eingedrückt war, begriff sie, woher das Blut an Talias Stab kam. Dann hörte sie ein unterdrücktes Würgen und die Zauberin krümmte sich. Die Andere reagierte schnell. Mit zwei, drei grossen Sätzen war sie bei ihr und umfasste ihren Kopf von hinten. Ehe die Jüngere reagieren konnte, hatte die Assassine sie bereits in die Knie gezwungen und hielt ihren Kopf vornüber gebeugt.
Und Talia erbrach sich.

Ihr war speiübel. Der Haufen aus Erbrochenem, der ihr vom Boden aus in die Augen stach, löste in ihr Würgreize aus, die ihre völlig trockene Kehle marterten. Die Mischung aus erbrochenen Essensresten und saurem Speichel in ihrem Mund verursachten zusätzliche Übelkeit. Sie empfand Scham und Ekel, wie sie so sass und sich die Seele aus dem Leib spie.
Als nach einer Weile nichts mehr da war, was Talia aus ihrem Magen herauswürgen konnte, liess Alya ihren Kopf los und half ihr auf die Beinen. Mit zittrigen Beinen lehnte sie sich an die Höhlenwand und atmete aus. Eine Weile standen sie beide stumm da.
„Du bist ein seltsames Mädchen“, unterbrach Alya die Stille, „weisst du das?“ Die Zauberin wandte sich ihr zu und schaute sie misstrauisch an.
„Was soll das heissen?“ fragte Talia. In ihrer erschöpften Stimme schwang eine Spur von Aggressivität mit. Sie empfand das eben Gesagte als Affront, was sie verstimmte.
„Wie soll ich es sagen...“, antwortete Alya nachdenklich, „für einen Moment scheinst du so selbstsicher zu sein, so entschlossen...“ Sie unterbrach sich und musterte die Andere einen Atemzug lang durchdringend, ehe sie fortfuhr: „Und dann, im nächsten Augenblick bist du wie ein ängstliches, verschrecktes Kind, das sich am liebsten unter einer Decke verkriechen möchte.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht, dass ich jemals so einem wechselhaften Charakter begegnet bin. Ich weiss nicht, ob ich dein Verhalten vorhin als Mut werten soll, oder einfach nur als Dummheit.“
Talia wollte sie wütend anstarren, ihr einfach über den Mund fahren. Aber sie konnte es nicht. Alyas Worte hinterliessen einen stärkeren Eindruck in ihr als sie zugeben mochte. Sie wusste selbst am besten, wie unbeständig sie in ihrem Tun war. Schliesslich hatte sie sich damit oft genug in Schwierigkeiten gebracht. Also schwieg sie.
Erneut schüttelte Alya den Kopf.
„So kommen wir nicht weiter. Ich weiss zwar nicht, was du in den letzten Tagen auf dem Blutmoor erlebt hast. Aber eigentlich hatte ich angenommen, dass du bereits einige Erfahrungen im Kampf gegen diese Dämonen gemacht hast. Jedenfalls nach deinem Zustand zu urteilen, in dem du jeden Abend zurückkehrtest“, sie zögerte kurz, „aber ganz offensichtlich habe ich dich in dieser Hinsicht falsch eingeschätzt. Ich vermute, dass du nicht besonders viele Monster angetroffen hast“, meinte sie. „Diese Viecher hier..“, sie machte eine Geste, die den ganzen Raum umfasste – Talia wurde wieder übel beim Anblick der Ansammlung von frischen, zerfetzten Kadavern – , „waren nur die Vorhut. Unsere Aufgabe ist es aber, eine ganze Armee von diesen Geschöpfen zu vernichten, nicht bloss deren Vorhut. Es wäre nicht übertrieben zu behaupten, dass wir um unser Überleben kämpfen werden müssen.“ Ein unbehagliches Schweigen entstand. Talia fühlte, dass sie jetzt etwas sagen musste. Sie raffte sich auf.
„Verzeih mit bitte“, murmelte die junge Zauberin, „ich habe einfach den Kopf verloren. Es wird nicht wieder vorkommen.“
Alya seufzte.
„Ich hoffe es. Aber ich wollte kein Lippenbekenntnis von dir“, erklärte sie ruhig, „Es geht hier nicht um mich, sondern um dich, denn ich komme sehr gut alleine zurecht. Aber ich kann nicht dich beschützen und gleichzeitig kämpfen. Sei dir eines bewusst: Solltest du beim nächsten Mal auch nur kurz zögern, kann dies bereits deinen Tod bedeuten.“
Mit diesen Worten wandte die Assassine sich ab und steuerte auf einen der zwei Gänge, die gegenüber dem ersten lagen. Noch bevor sie den Lichtkreis der Fackeln verliess, nahm sie die katzenartige Bewegung an, die ihre Schritte in lautloses Schleichen verwandelte. Dann verschwand sie im Schatten der Höhlenwände.
Talia blieb noch eine Weile regungslos stehen, ehe ein Ruck durch ihren Körper ging. Darauf bedacht, nicht auf die zahlreich herumliegenden Kadaver zu treten, folgte sie der Kampfgefährtin in den dunklen Gang.

Je weiter die beiden jungen Frauen in das unterirdische System von Hohlräumen und verzweigten Gängen eindrangen, desto öfter trafen sie auf kleinere Gruppen von Gefallenen. Anders als beim ersten Zusammentreffen bestanden die Gruppen nur aus mehr oder weniger einem halben Dutzend Gefallenen, immer angeführt von einem oder zwei Schamanen. Talia, die sich ganz offensichtlich die Ermahnungen Alyas zu Herzen genommen hatte, entwickelte einen Kampfwillen, der selbst der Assassine Respekt abverlangte. Während die Zauberin eine Frostnova nach der anderen entlud und so die kleinen Horden in Schach hielt, kümmerte sich die Andere um den Schamanen. Doch statt abzuwarten, bis die Kämpferin sich ihres Gegners entledigt hatte, um ihr dann gegen die Gruppe angreifender Gefallener beizustehen, schwang Talia ihren Stab selbst durch die noch erstarrten Leiber, um sie zu zerschmettern. Nicht selten kam es sogar vor, dass sie alle ihre Gegner auf diese Weise vernichtete, während Alya noch mit den Schamanen beschäftigt war. Jedes Mal, wenn die Assassine in Talias Richtung sah und den Haufen gefrorener Fleischbrocken zu ihren Füssen sah, hob sie anerkennend ihre Augenbrauen. Um so mehr, als sie erkannte, wie die Zauberin mit dem Unwillen, sich in den Nahkampf zu wagen, kämpfte und ihn tapfer überwand. Nach mehreren Kämpfen entwickelte sich zwischen den beiden unverkennbar ein Zusammenspiel von Kraft und Magie, das zunehmend routinierter wurde.
Doch mit einem Mal schien die Höhle völlig verlassen. Kein Gefallener lief ihnen über den Weg, auch sonst kein Monster. Nur ein paar von den kleinen Spinnentieren und Fledermäusen, die natürlichen Höhlenbewohner, liessen sich blicken. Aber ansonsten schienen die unterirdischen Räume wie ausgestorben. Nicht, dass dies Alya beruhigt hätte. Im Gegenteil. Wie schon auf dem Blutmoorgelände überfiel sie wieder das Gefühl, nur die Ruhe vor dem Sturm zu erleben. Beunruhigt schlich sie durch zahllose Gänge, dicht gefolgt von Talia, bis sie leise dutzendfach durch steinerne Wände zurückgeworfene Geräusche wahrnahm, hart an der Grenze ihres Hörvermögens. Kleine, schnelle Schritte, langsames Schlurfen waren ebenso zu hören wie schweres Stampfen. Nach einer Weile kamen die Frauen in eine Art Vorraum, aus dem zwei Wege abzweigten. Aus beiden waren fremde Geräusche zu hören. Alya spannte sich an und bedeutete ihrer Begleiterin, sich leise zu verhalten. Sie trat in den Gang ein, der ihr am nächsten stand und lief leise an den Wänden entlang. Der Weg war nicht lang, denn schon nach wenigen Augenblicken erkannte sie die dreibeinige Fackel, die am anderen Ende flackerte. Jetzt konnte sie sogar die kreischenden Stimmen der Schamanen ausmachen. Mindestens drei oder vier von dieser Sorte. Sie bedeutete Talia, auf der Stelle zu bleiben und schlich sich näher an den Ausgang heran. Die Unruhe, die schon die ganze Zeit über in ihr war, verstärkte sich, als sie beinahe das Ende erreicht hatte. Dann löste sie sich ein wenig von der Wand und spähte in die Höhle hinein. Was sie dort sah, verschlug ihr schlichtweg die Sprache.
Die Höhle war gigantisch. Durch zahllose Fackeln erhellt, zogen sich vom Zentrum aus die unterirdischen Gemäuer über hundert Schritt nach allen Seiten fort. Vom Gang aus, in der Alya gerade stand, mündete eine breite Terrasse nach ungefähr vierzig Schritten in eine ebenso breite, aber kurze Steintreppe. Das Areal, das sich davor ausbreitete, war leicht zu überschauen. Es hätte keinen besonders bedrohlichen Anblick geboten, wenn es leer gewesen wäre.
Leider war die Höhle nicht leer.
Horden von Gefallenen bewegten sich durch die riesigen Gewölbe, stoben auseinander und schlossen sich wieder zusammen, gleich einem unruhigen Strom. Die Unruhe wurde noch gesteigert durch ihre Schamanen, die mit ihren Stöcken auf den Boden klopften und sich ihre Stimmen wund kreischten. Mit ihren dunkelgelblichen Hörnern, die stark an verfaulte Bananen erinnerten, wie Alya sie in den Marktplätzen grosser Städte im Westmark manchmal als exotische Früchte aus den tropischen Wäldern der berüchtigten, sagenumwobenen Insel der Amazonen im Zwillingsmeer zu Gesicht bekam, boten sie einen grotesken wie auch beängstigenden Eindruck. Die kleinen roten Teufel waren aber bei weitem nicht die einzigen Monster. Dutzende von menschenähnlichen Gestalten, deren Haut in Fetzen herabhing und verfaultes Fleisch enthüllten, schlurften schweren Schrittes zwischen den beweglichen Gefallenen. Ihre Gesichter, einst menschlich, waren entstellte Fratzen, die von jahrzehntelanger Verwesung zeugten.
Zombies.
Ein kalter Schauer lief Alya den Rücken hinunter. Was ihr gerade Angst machte, waren die hünenhaften Pelzkreaturen mit ihren starren Masken, die auf der Brust prangten. Zumindest hielt sie die gewaltigen Wölbungen ihrer vorderen Körperseiten für Brustkörbe. Es waren nicht viele, nur vielleicht sechs oder sieben, die im riesigen Gewölbe umher stampften. Aber für sie waren es genau sechs oder sieben Kreaturen zu viel. Ihr letzter Kampf gegen diese pelzigen Riesen, den sie mit etlichen gebrochenen Rippen überlebt hatte, stand ihr noch deutlich vor Augen. Sie fluchte leise und wollte sich zurückziehen, als ihr plötzlich auf der gegenüberliegenden Seite der steinernen Aula eine Gestalt auffiel, die aus der Masse von Monstern herausstach.
Es war ein Zombie. Aber im Gegensatz zu seinen Artgenossen war sein Körper von einem seltsam kränklichen Blau überzogen, das an verschiedenen Stellen in dunklere Töne überging. Alya vermutete, dass es entblösstes Fleisch war. Ihn umgab ein düsterer Schein, der aus seinem Inneren herzurühren schien. Er schien sich schneller zu bewegen, als es einem Untoten eigen war, sicher war sie sich jedoch nicht.
Das muss Totenfeuer sein.
Die Assassine zog sich zurück in den Gang und schlich zu Talia hinüber.
„Wie viele?“ fragte die junge Zauberin, noch ehe Alya sie erreicht hatte.
„Zu viele“, kam es leise zurück.
Beide schwiegen, die eine beklommen, die andere düster.
„Und was tun wir jetzt?“ flüsterte Talia.
Die Andere schnaubte nur.
„Wäre ich lebensmüde, wüsste ich schon eine Möglichkeit“, murmelte Alya zynisch und schüttelte den Kopf. „Aber ich habe keine Ahnung, wie man eine kleine Armee von hundert Dämonen bekämpft.“
Talia erbleichte. Doch die Ältere hob beruhigend die Hand.
„Wir haben grundsätzlich drei Möglichkeiten“, relativierte Alya ihre vorherige Aussage. „Erstens“, sie hob ihren Zeigefinger, wobei die Klingenklauen, die immer noch in den Händen hielt, Talia gefährlich nahe kamen und diese unwillkürlich zurückzuckte, „wir verschwinden aus dieser verfluchten Höhle und warten im Lager, bis die Dämonen angreifen, die wir mit Hilfe von Kaschyas Jägerinnen abwehren und vernichten.“ Eine kleine Pause entstand und sie schüttelte seufzend den Kopf.
„Leider taugt diese Strategie nicht viel“, meinte Alya, „da bei einer solchen Masse die Pfeile der Jägerinnen nichts ausrichten werden, zumal laut Akara nur noch etwa ein Dutzend von diesen Bogenschützen das Lager beschützen. Natürlich könnten wir statt dessen einige von ihnen als Verstärkung holen, aber ich fürchte, dazu ist keine Zeit. Ich fürchte, die Monster wollen heute noch das Lager angreifen und genau dies gilt es zu verhindern.“
Nun hob sie ihren zweiten Finger und fuhr fort: „Die zweite Möglichkeit wäre nun, einfach dort reinzumarschieren“, sie zeigte mit der anderen Hand auf den Ausgang, „und auf gut Glück zu versuchen, es mit ungefähr hundert Gegnern gleichzeitig aufzunehmen.“ Wieder hielt sie inne und schüttelte seufzend den Kopf.
Talia verdrehte trotz ihres Unbehagens die Augen. Ganz offensichtlich besass die Assassine einen ausgeprägten Hang zur Theatralik.
„Diese Strategie taugt aber noch weniger als die erste. Mit roher Gewalt erreichen wir gegen eine solche Übermacht nichts. Und deine Zauberkräfte sind auch nicht stark genug, um nennenswerten Schaden auszurichten“, lehrte Alya.
Die junge Zauberin verzichtete auf jeglichen Kommentar zu ihrer letzter Bemerkung. Statt dessen wartete sie ungeduldig auf die letzte geniale Strategie, die sich die Ältere wohl ersonnen haben mochte.
„Aber wir haben ja noch eine dritte Möglichkeit.“ Triumphierend hielt die Assassine ihren Daumen als dritten Finger hoch. „Wir locken die Feinde in diesen Gang hinein. Auf engem Raum fällt ihr Vorteil der zahlenmässigen Überlegenheit weg und sie werden keinen Platz zum Kämpfen haben, so dass wir sie nacheinander in aller Ruhe ausschalten können.“
Talia hielt den Kopf schief und blickte Alya unsicher an. Dieser Plan war zwar simpel, entbehrte aber nicht einer gewissen Logik. Sie musste zugeben, dass diese Methode klappen könnte.
„Also, pass auf, wir tun Folgendes“, erklärte Alya. Doch weiter kam sie nicht. Aus der Richtung, aus der die beiden Frauen gekommen waren, ertönten hastige Schritte. Ein kleiner, gehörnter Schatten tauchte am hinteren Ende des Steinkorridors auf. Plötzlich hallte ein schrilles Kreischen wider den Höhlenwänden.
„Da sind sie, Wendigos. Dieses Weiberpack hat meine Brüder niedergemetzelt. Schnappt sie euch!“
Die schrille Stimme schnappte beinah über. Und dann, zum Entsetzen Alyas, traten die Wendigos hintereinander in den Gang ein. Sie erkannte, wer oder was diese Wendigos waren. Die riesigen Pelzkreaturen mit ihren gewaltigen Pranken und den kurzen, grotesken Beinen. Ihre breiten Schultern streiften die Felswände so dicht, dass Alya für einen winzigen Moment hoffte, die Wendigos würden einfach stecken bleiben. Die Pelzmänner dachten jedoch nicht im Traum daran, ihr diesen Gefallen zu tun. Trotz ihrer kurzen Beine, die dem Gewicht ihrer Körper durch rhythmisches Stampfen Ausdruck verliehen, kamen sie bedrohlich schnell voran. Entsetzt erkannte die Assassine, dass die beiden in der Falle steckten. Selbst wenn es ihnen gelang, den anstürmenden Wendigo zu töten, waren da immer noch zwei weitere hinter ihm. Und selbst wenn diese Monster überwunden würden, wäre der Ausgang durch ihre massigen Leiber hoffnungslos versperrt. Der Nachteil, dass die Wendigos keinen Raum zum Ausholen hatten, wurde schon allein durch ihre Anzahl, ihr Gewicht und ihre Körpermasse mehr als nur ausgeglichen. Und sie machte sich keine Illusionen, dass Talia innerhalb weniger Sekunden, ehe die Kreaturen die beiden erreicht hätten, schnell genug reagieren und ihre Eiszauber entfesseln würde. Zu allem Überfluss blieb die misstönende Stimme des Schamanen nicht unbemerkt. Aus der steinernen Halle kamen Schritte näher, und Rufe wurden laut. Alya wurde klar, dass sie nicht mehr lebend rauskommen würden, sollte der Gang zu beiden Seiten versperrt werden. Sie griff nach Talias Arm und riss sie mit, während sie aus dem Flur hinausrannte, ohne Rücksicht auf die hinterher stolpernden Schritte der Zauberin. Als in die grosse Höhle stürmten, stiessen sie beinahe mit einer Gruppe von drei Zombies zusammen. Geistesgegenwärtig die Zauberin loslassend, stiess sie ihre Schlagdolche in die entstellten Gesichter zweier Untoter und nutzte den Schwung ihres abgebrochenen Laufs, um ihre Gegner zurückzustossen. Die beiden stolperten ungeschickt nach hinten und fielen hart auf den Boden. Der dritte Zombie blieb verblüfft stehen, als er die Assassine scheinbar aus dem Nichts zu seiner Rechten auftauchen sah. Blitzschnell hieb sie mit ihrem rechten Ellbogen direkt auf seine Schläfe. Für einen Moment wankte dieser hilflos wie betäubt, bevor Alya sich mit ihrem linken angehobenen Bein gegen den Uhrzeigersinn herumdrehte und ihre Ferse mitten in das Gesicht des Untoten schmetterte. Noch ehe ihr Trittbein den Boden berührte, hatte sie mit einem schnellen Blick in die Runde die Situation erfasst.
Und die war alles andere als rosig.
Die Terrasse, auf der sich die beiden Gefährtinnen befanden, war bis auf die Zombies noch leer. Aber auf dem Areal war es mittlerweile still geworden. Hundert glühende Augenpaare starrten überrascht auf die Gestalten, die plötzlich vor dem Ausgang aufgetaucht waren. Talia stand knapp hinter Alya, nur wenige Schritte vom Gang entfernt, aus der sich beunruhigend die baldige Ankunft der Wendigos ankündigte. Die Assassine bedeutete der Zauberin, in ihrer Nähe zu bleiben und bewegte sich auf die Mitte der Terrasse zu, um grösstmöglichsten Abstand zu beiden Seiten zu wahren. Nun traten die pelzigen Hünen ein. Es waren ihrer insgesamt vier an der Zahl, und der Schamane von vorhin gesellte sich mitsamt einiger Gefallenen hinzu.
„Ich glaube, wir haben eine vierte Möglichkeit vergessen“, meinte Talia nervös.
„Und was wäre die gewesen?“ fragte Alya ärgerlich. Die Anspannung war ihr deutlich anzumerken. Sie wollte ihren Atem nicht für eine sinnlose Diskussion verschwenden. Nicht ausgerechnet jetzt.
„Wir haben nicht die ganze Höhle durchforstet“, antwortete die junge Magierin, „also müssen noch einige Monster übrig geblieben sein.“ Die Assassine sagte nichts darauf. Talia hatte recht. Nur half ihnen dieses Wissen nicht weiter.
Sie waren eingekesselt.
 
Erste! :D

ok, ok, ich hatte einen Vorteil - ich kannte viele Passagen schon... :cool:


Gut gelungen, Segan, eine schöne Mischung aus Gemetzel und zwischenmenschlichen Häppchen. Sehr plastisch fand ich die Beschreibung der wildkatzischen Assassine. Roarrrr!

Und natürlich ist das Kapitel nicht zu lang, sondern lediglich der unerträglichen Wartezeit angemessen. So, husch, husch zurück an die Arbeit :go:


:hy: Insidias
 
da eine der großmeisterinnen des forums sich schon gemeldet hat, bleibt mir nicht mehr viel als ihr zuzustimmen.

Gruß, Helldog
 
Gut, ich bin gespannt, ob es die beiden alleine schaffen, oder ob sie Hilfe von außen bekommen.

scirocco
 
Wieder einmal genial.
Ich wette die beiden kriegen Hilfe, mein Tipp: vom Paladin.
 
Sprachlich schon deutlich sicherer als zu Beginn, finde ich.
Die beiden Heldinnen gefallen mir gut; dass sie sich auch mal kabbeln, macht die Charaktere sehr lebendig.
Einzig den Raubtier-Vergleich würde ich nicht noch öfter bringen. Das ist/war aber auch das Einzige.
Weiter so, und viel Glück für die Prüfungen :)
 
Eigentlich wurde ja schon alles gesagt darum bleibt mir nur noch der Lob zu dieser fantastischen Szene:D Hast du ziemlich atmosphärisch geschrieben man kann sich jede einzelne Szene bildlich vorstellen. Und ich bin schon gespannt wie die beiden da wieder rauskommen:read: :top:
 
Hmm, also...

es wird wohl nicht viele interessieren, aber ich muss es doch einfach sagen damit es alle wissen ;)

Ich schreibe nicht mehr weiter. Ich merke einfach, dass es mir nicht mehr so viel Spass macht, zu schreiben. Das liegt wohl zum einen daran, dass ich derzeit sehr von meiner Schule in Anspruch genommen werde und zum anderen daran, dass die Geschichte, wie ich sie angefangen habe, schon im Grossen und Ganzen bekannt ist (Quests, Gegner, Ende und so...), was mir schon ein klein wenig die Motivation nimmt. Ich habe zwar massig Ideen, um es abwechslungsreicher zu gestalten, aber mir geistert schon länger eine andere Geschichte in meinem Kopf herum, und in letzter Zeit ist der Wunsch, sie niederzuschreiben, immer grösser geworden. Da parallele Erzählungen für mich nicht in Frage kommen und unglücklicherweise meine Entwürfe für die nächsten Kapitel aufgrund einer Neuinstallation (Upgrade von Win2k auf Xp) futsch sind, habe ich beschlossen, hier einen Schlussstrich zu setzen, damit ich mich dem "neuen" Projekt zuwenden kann. Falls ich es doch mal veröffentlichen sollte, wird es wohl nicht in diesem Forum erscheinen, weil es wenig mit D2 zu tun hat. Aber auf Anfrage stelle ich dann gerne einen Link rein.

Ich hoffe auf euer Verständnis.


Gruss Segan :hy:
 
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