Chapter Thirty-six
Drei Wochen.
Drei Wochen der Ruhe, Zeit um die Wunden des Körpers heilen zu lassen.
Drei Wochen Zeit um Gräuel zu verarbeiten und die Dissonanz des Erlebten in Vergessenheit zu bringen.
Drei Wochen sollten reichen, hatte Iridor gedacht.
Doch obwohl seine Wunden äußerlich verheilt waren, Malah hatte wahre Wunder gewirkt, Larzuk seine Kleidung und seine Rüstsachen in bester Art instandgesetzt hatte, innerlich fühlte der junge Mann sich zerschlagen und geschunden.
„Ach Halbu…“, seufzend stand Iridor am Stadttor von Harrogath und blickte mit sehnsüchtigen Augen hinaus in das karge Ödland des Vorgebirges.
In den letzten Tagen hatte sich sein Innerstes nach einer durchwachten Nacht mit dem Kriegerschmied gesehnt. Es gab so vieles zu erzählen, so vieles dessen Erfahrung es durch den Freund bedurfte.
Doch führte kein Weg zurück in dieses Gebiet.
Einzig in seinem Herzen konnte Iridor seine Fragen an Halbu stellen.
Nur war er sich der Antworten nicht immer so sicher.
Iridors Blick suchte den Gipfel des fernen Arreat.
Wolkenverhangen erhob sich die Spitze des Berges majestätisch empor, wie um der Zeit selbst zu trotzen.
Von hier unten ließ sich nicht mal im Traume erahnen welche Untaten in seiner Spitze ihre unheilige Existenz verbargen. Träumerisch, wie gemalt bot sich der Gipfel den Blicken dar.
„Bin ich würdig?“
Fragend blickte er auf den Gipfel. Sandte seinen Willen empor um Antwort zu erlangen.
Doch Antwort gab es nur am Gipfel selbst.
Qua-Kehk hatte ihm in düsterer Stimmung vor zwei Tagen die Geschichte erzählt.
Im Nachhinein wünschte sich Iridor dieses Wissen hinfort, zu traurig war der Inhalt des genannten.
„Immerdar wurde unser heiliger Berg beschützt und bewacht..,“ hatte Qua-Kehk angesetzt zu erzählen.
„Der Arreat ist das Älteste dieser Welt und gleichsam das Heiligste aller andauernden Zeit.
Vor Äonen, als an unser Sein noch niemand gedacht, trafen sich dort oben, an seinem Gipfel, die Nephalem, um das Schicksal unserer Welt, so doch nicht zu entscheiden, doch zu lenken und Wohlsein zu bringen.“
„Was sind Nephalem?“ begehrte Iridor zu wissen.
„Nephalem bedeutet Die Alten Weisen“, entgegnete Qua-Kehk.
„Auch wenn dies vielleicht nur unzureichend ihre Bedeutung und ihr Wesen beschreiben mag.
Die Dreieinigkeit nennt man sie auch in der gemeinen Zunge. Hindeutend auf ihre Zahl.
Es waren nur jene Drei, welche sich zum Hüter des Schicksals bezogen, nur derer Drei, erpicht den Lauf der Dinge zu bewachen und zu erforschen.
Alterslos und unsterblich boten die Drei ihren Rat der Welt dar.
Und wenn auch am Anfang viele ihrer Worte lauschten, gerieten die Drei doch in Vergessenheit.
Und in dieser Vergessenheit konnte das Böse seinen schleichenden Weg finden.“
Zorn brach aus Qua-Kehk heraus, seine Miene beschrieb unendlichen Missmut und Qual.
„Hätten Izual und der Rest seiner Engelsippe sich nur mit ihren Fragen an die Nephalem gewandt. So vieles hätte verhindert werden können.
Aber NEIN..“, die Worte wurden Iridor ins Gesicht geschleudert, „diese selbstherrlichen Flügelschwinger mussten ja alles in ihrem Großmut allein bewältigen.
Und so verging das Wissen um die Nephalem.
Vergessen hockten Sie auf ihrem Berg, an diesen gebunden war es nicht ihre Macht, das Wissen in der Welt zu verteilen. Nur jenen die fragen, durfte Antwort zuteil.
Fassungslos beobachteten Sie den Lauf der Dinge.
Den Fall des Engels.
Das Land welches zur Qual wurde.
Das Erwachen der dunkelsten Stunden, unverhinderbar für die, welche das Wissen zum endgültigen Tode des Bösen bei sich trugen.
Ich mag mir nicht im entferntesten die Qualen dieser Wesen vorstellen, zu Wissen was zu tun ist, aber es kommt keiner der fragt.
Gefesselt an einen Berg, den keiner erklimmt um Wissen zu erlangen.
Und in all dieser Zeit jede Regung des Bösen zu erkennen.“
Qu-Kehk sah Iridor tief in die Augen.
„Kannst du es dir im Ansatz vorstellen wie das sein muss ?“
Doch bevor er eine Antwort geben konnte, fuhr der Söldner fort.
„Und es kam wie es kommen musste.
Die Drei einzigen ihrer Art, die drei die Nephalem sind, einzig dem Wissen und der Lösung verschrieben, wurden bedrängt.
Der Mächtigste der Sippschaft des Bösen, Baal höchstselbst, erkor sich den Gipfel des Arreat zu seiner Heimstatt.
Er wollte die mächtigen Linien der Energie, direkt durch das Innere des Arreat verlaufend, zu seiner Zerstörungswut hinzulegen.
Und stieß bei seinem Weg auf die Nephalem.
Als Baal sich schon seinem Ziele nahe wähnte, stellten sich die Nephalem in seinen Weg.
Unverzagt harrten die Drei seiner und ungebrochen blieb ihr Wille.
Doch grausam lachte er die drei aus. Verhöhnte ihr Wissen und ihre Machtlosigkeit. Und schickte sich vor hunderten von Jahren an die Drei zu vernichten.
Weißt du junger Iridor..“, Iridor hing jetzt gebannt an den Lippen des Redners, es ließ sich ein Geheimnis enthüllen.
„..die Nephalem hatten niemals mit roher Gewalt etwas im Sinn.
Waffenlos traten sie dem enthülltem Bösen entgegen. Und ihr einziger Schutz bildete sich durch die Kraft ihres Willen und Wissen.
Mehrere Hunderte von Jahren trotzten sie Baal.
Verhinderten dessen Zugang zu den Kräften des Arreat.
Und gleichwohl, der Fürst des Bösen tat so einiges um sie zu bezwingen. Tausende von Unholden rannten gegen die Drei an, nur um durch deren Willen hinweggefegt zu werden.
Mächtige Kriegsmaschienen ließ er auffahren um die Nephalem zu vernichten, doch diese wurden durch deren Willen zertrümmert und gegen die eisigen Felswände geschmettert.
Die Drei formten die Macht der Natur nach ihrem Willen und ließen die Truppen des Dunkel in Schneemassen versinken, in ewigem Regen ertrinken.
Tausende und Abertausende ließen ihr Leben um Baal in das Innere des Arreat zu bringen, und versagten bei dem Versuch.
Und doch gewann die Unermüdlichkeit des Bösen den Kampf.
Baal fand eine Lücke im Willen der Drei…, und zerbrochen ward die Einigkeit der Nephalem.
Gebunden und gefesselt wurden sie vor Baal geführt, jener im Triumph, endlich das Innere des Berges sein, die Kraft der Energie sein Eigen.
Und dann offenbarte Baal die Größe seiner Grausamkeit.
Er tötete sie alle Drei. Ohne Schmach oder lange Qual setzte der Fürst den Ewig Lebenden ein Ende. Aber höhnisch setzte Baal ihrer Unsterblichkeit ein grausiges Denkmal.
Ihre Körper wurden zerschmettert, ihr Innerstes von Dienern in alle Winde verstreut. Aber ihre Seelen behielt der Fürst bei sich.
Durch seine Diener ließ er ein Denkmal bauen, mittig auf der Spitze des Arreat.
Drei Kriegerskulpturen umringten eine steinerne Säule.
Und in jede der Skulpturen band er eine Seele der Drei. Er trennte jene, welche immerdar gemeinsam waren, und zwang ihre Unsterblichkeit in seinem Hohn, auf ewig zu existieren.
Bewacht mich gut ihr Drei. Denn das ist euer Ziel.
Und als ob das ewige Sein in Stein, nicht genug des Spott, belegte Baal die steinernen Krieger mit einem der stärksten Zauber.
Sollte je ein Wesen es wagen den Gipfel des Arreat zu betreten, mussten diese drei Steinernen erwachen, und mit ihren Waffen den Tolldreisten bezwingen, auf das der Eingang zu seinem, Baals Reich gesichert sei.
Ich kann mir keinen vorstellen der besser geeignet ist mein Heim zu schützen, hatte Baal ihren Seelen zugeflüstert, voller Bosheit kichernd. Und da Euch Waffen zuwider, ist das jetzt euer Los.
Erwacht zum Leben wenn jemand die Inschrift der mittigen Säule entziffert, und seid gezwungen mit Arm und mit Stahl mein Reich zu beschützen.
Und die Drei mussten gehorchen.
Jeder, dessen Weg sich zum Gipfel fand, hat es versucht.
Doch kam noch niemals jemand an den Dreien vorbei.
Keiner weiß genau was dort oben geschieht, einzig in größter Not, wenn dem Verzweifelten das Leben zu fliehen droht, hat er die Wahl eines der Portale zu öffnen.“
Qua-Kehk blickte in die Ferne, so als wenn er Erinnerungen beschwor.
„Weißt du junger Iridor, so kannst du dein Leben retten, aber weder kommst du deinem Ziele näher, noch sind die Geister der Nephalem damit befreit.
Ich habe es probiert, ich weiß wovon ich rede“
Und damit war aus Qua-Kehk kein Wort mehr herauszubekommen.